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Traumziel Danzig
(Jörn Heinrich, Reise vom 18.7.2002 - 28.8.2002, 948 sm)
(Diese Reise wurde beim Fahrtenwettbewerb der KA-Abteilung des DSV ausgezeichnet mit dem Sonderpreis Binnen-Küste im Jahr 2002)

Einen alten Traum aus Jugendtagen, einmal auf eigenem Kiel auf den Spuren der Hanse nach Danzig zu segeln, konnte ich mir 2002 endlich erfüllen. Die Jahre zuvor war das Vorhaben immer gescheitert, teils aus Zeitmangel, teils wegen andauernder Starkwindlage. Dieses Jahr plante ich mehr Zeit und einen Crewwechsel ein: PAHOA, eine Jeanneau Sangria, BJ 1971, sollte von mir zunächst einhand von Brandenburg a.d. Havel nach Schwedt überführt werden. Von Schwedt aus will ich mit meinem britischen Segelkameraden Stephen Painter das Schiff in einer Woche "meilenschrubbend" so weit wie möglich gen Osten segeln. Danach haben meine Ehefrau und ich vier Wochen, Danzig zu erreichen und zurückzusegeln. Der Crewwechsel soll in einem mit der Bahn erreichbaren polnischen Hafen erfolgen.

Brandenburg a.d. Havel - Schwedt (94 sm, 2Tage)

Brandenburg a.d.Havel, Mittwoch, 16.7.2002: Wolkenbruchartiger Dauerregen prasselt den ganzen Nachmittag auf die Plane, die, über den liegenden Mast zur Reling gespannt, das Cockpit in ein Zelt verwandelt. Ich will noch Konserven, Getränke und Reservediesel bunkern - alles zu Fuß. Mit Blasen unter den dünnen Socken in meinen Segelstiefeln, naßgeschwitzt unter vollem Ölzeug, einem 20-kg Rucksack mit Lebensmitteln auf dem Rücken und zweimal 10 liter Dieselkanistern in den Händen komme ich abends endlich wieder zum Schiff, mit viel Vorfreude auf die ruhige Kanalfahrt.

Am nächsten Morgen geht es zügig: Die zweite Kanne Kaffee ist nach dem Frühstück schnell gekocht, und genügend Stullen geschmiert, dass es für 12 Stunden an der Pinne reicht. Ein schönes, entspanntes Gefühl, jede Schraube an der Maschine zu kennen und sie mit Bordmitteln reparieren zu können -anders als noch letzten Sommer, wo jede Klangveränderung ein erschrecktes Nachsehen im abgas- und ölqualmigen Motorraum bewirkte. Das Wetter ist bedeckt, aber trocken, und ich lege die 110km Havel, Havelkanal und Oder-Havel-Wasserstraße mit drei Schleusen innerhalb von 12h40 zurück. Wie die beiden Jahre zuvor waren auch diesmal wieder kurz vor Marienwerder Eisvögel zu sichten.

Der nächste Tag bringt mich nach Schwedt a.d.Oder, wobei ich bei der Ausfahrt des Schiffshebewerkes Niederfinow Zeuge eines Beinahe-Unfalls werde: Drei junge Männer in einem Charter-Kanu paddeln unverdrossen quer vorm Hebewerk, während die ausfahrenden Ausflugsschiffe schnell dem bereits einfahrenden Schubverband Platz machen wollen: Großes Gehupe und Aufstoppen bei allen Beteiligten, bis das Kanu endlich auf der Seite in Sicherheit ist. In Schwedt muß ich noch einen Tag auf Stephen Painter warten. Die Zeit nutze ich, um mir aus kräftigem Erdungskabel und Messing-Rechteckstab vier Blitzableiter mit Schraubklemmen anzufertigen und die letzten beiden Leuchtdioden für die Funk- und GPS-Stromversorgung im Schaltpaneel einzulöten.

Schwedt - Swinemünde (63 sm, 2Tage)

Das Stettiner Haff - auf dem Weg nach Swinemünde - empfängt uns mit einem böigem WSW 6-8Bft. Die kurzen, steilen Wellen peitschen gischtig über das Vorschiff in die knatternde Sturmfock, prasseln laut über die Sprayhood und den sich duckenden Rudergänger der Zweimanncrew. Bereits auf dem Dabie-See fielen heute Morgen die ersten 8er Boen ein, so dass wir kurz nach dem Ablegen in Stettin/Marina Marco das zweifach gereffte Großsegel bargen und durch das Try-Strumgroß ersetzen. Mit rauschender Fahrt reiten wir unser Haff-Rodeo Richtung Kaiserfahrt, dem großen Kanal zur Ostsee. Als der Wind kurz vor Usedom immer vorlicher eindreht, werden Kreuzschläge notwendig, die letzten drei Faden muß uns der alte Diesel etwas helfen, da etwa 1-2 kn Strom quer zum Fahrwasser steht und wir einem auslaufenden haushohen Überseefrachter nicht vor den Bug kommen wollen.

Auf dem Stettiner Haff mit Sturmbesegelung bei böigem WSW 6-8 Bft

Dann im glatten Kanalwasser meint Stephen, mein Mitsegler: "Ich bin froh, dass der Kahn das ausgehalten hat". Obwohl wir tüchtig mit pfeifender Takelage durchgeschüttelt wurden, war alles noch heil. Es war mein erstes Starkwindsegeln mit diesem Schiff. Die Jeanneau Sangria, ein gemäßigter Kurzkieler, verhielt sich auch unter Sturmbesegelung hervorragend: Der 1,30 m tiefe Kiel mit Ballastbombe hielt mit seinen 750 kg das 2-Tonnen-Schiff steif und gutmütig in der Welle, sehr selten ein hartes Einsetzen, auch Boen brachten selten mehr als 30° Lage. Es war ein nasses, aber immer sicheres Segeln. Mit den parallel gestellten Sturmsegeln war noch erstaunlich gut zu kreuzen: Ein grundsolider Franzose, gebaut für die rauhe Atlantik-Küste und bestens geeignet auch für die Ostsee.

Dass uns das Haff stürmisch-regnerisch begrüßen sollte, schien noch Gestern auf der Fahrt von Schwedt nach Stettin undenkbar, wir brieten in der prallen Sonne bei 32° im Schatten. Der permanente Angriff von einem halben Dutzend großer Pferdebremsen - Erschlagene rückten sofort nach - hielt den Rudergänger auf der schönen Westoder im Trainingsanzug eingepackt - eine elende Schwitzkur. Kurz nach der Zollabfertigung in Mescherin: Zwei Adlerpärchen lassen sich auf einem abgestorbenen Baum direkt am Oderufer - fast in greifbarer Nähe nieder. Die langen, gelben, am Ende hakenförmigen Schnäbel und die breiten, grauen Schwingen mit dem helleren Kopf - ein imposanter Anblick. Einzigartig auch ihre Laute, die teils an Katzen-, teils an Mövenschreie erinnern. Mit der Affenhitze war es Abends in Stettin dann vorbei, eine gewittrige Kaltfront brachte den abrupten Wetterwechsel - samt nachfolgendem flachem Trog. Wir stellten den Mast erst, als die Blitze nicht mehr ringsum krachten und der Regen nachließ.


Swinemünder Yachthafen im ehemaligen Weftbecken – Marina Polnocna

Nach dem wilden Ritt übers Haff in Swinemünde im neuen Yachthafen angekommen, bewährt sich mein Winter-Heizlüfter, um die Nässe aus den Klamotten zu treiben, unsere Kajüte wird zur Waschküche und wir geniessen die heiße Dusche im Container. Man liegt ruhig und doch zentral entweder an der Mooring, längsseits an der Pier oder den nagelneuen Schwimmstegen im ehemaligen Werftbecken, ca 7 Faden von der Hafeneinfahrt entfernt am Westufer der Swine.

Da der Seewetterbericht des DWD für den folgenden Tag eine Starkwindwarnung für die südliche+westliche Ostsee herausgibt, laufen wir nicht aus - erstaunlich nur, dass alle polnischen Yachten am Morgen den Hafen verlassen, die deutschen jedoch nicht. Bei unserer Strandwanderung Richtung Ahlbeck sehen wir später glattes Wasser und viele Segel. Zufällig liegt Abends das Schiff des Voreigners von PAHOA auch im Hafen - ein netter Anlass zum gemeinsamen Umtrunk.

Swinemünde - Rönne - Neksö - Kolberg (160 sm, 4 Tage)

Wer heute daneben liegt, hat morgen recht - wir verlassen uns auf die SMS-Vorhersage von Wetteronline: "W5 abnehmend 4 für den Adlergrund" und Swinemünde mit Kurs Bornholm. Erstaunlich wieder, dass die deutschen Yachten sich fast alle segelklar machen, während kein Pole dies tut. Am Zollanleger Swinemünde erhalten wir das polnische Wetter für die Pommersche Bucht: SW-W 5-6Bft, Boen. Wir schiessen schäumend aus der Hafeneinfahrt in die zunächst flache Welle, nur unter Fock-II.

In etwa an der Oderbank steht dann jedoch die Entscheidung an, zurückzusegeln, bzw. Dievenov oder Kolberg anzulaufen, die mein Mitsegler - von Anfang an Rudergänger - trotz schwerer Seekrankheit ablehnt: "Don't turn back, I want to sail to Bornholm..."!! Auch das starke Antihistaminikum, das er sich von einem befreundeten Taucher aus Ägypten hat mitbringen lassen, schlägt nicht an - er hofft auf einen Gewöhnungseffekt. Glücklicherweise kann ich mich auch bei 2 m Welle kopfüber in die Kajüte hängen, ohne dass mir davon schlecht wird. Das etwas luvgierige Schiff segelt mit leicht leewärts belegter Pinne auf halbem Wind unter Fock stur Kurs Nord, so dass mir das Weitersegeln verantwortbar erscheint. Ich kann ohne Probleme unter Deck die Navigation erledigen und das Schiff dabei kurz sich selbst überlassen - mit einer kleinen Einbuße an Geschwindigkeit.

Dazu kommt, dass sich Stephen bewundernswert doch überwinden kann, das Ruder zu übernehmen, wenn für mich Arbeit auf dem Vorschiff ansteht. Den kurzen Weg zum Vorschiff nehme ich auf allen Vieren, Lifebelt an der Reling.


Auf halbem sowie hoch am Wind ersetzt die luvseits belegte Pinne im gut getrimmten Schiff einen Autopiloten.

Nach dem Durchzug einer Schauerboe schralt der Wind etwas und frischt strichweise auf einen guten Sechser auf, die Wellen sind jetzt länger und vereinzelt bis zu 2,5 m hoch, die Kimm verschwindet jetzt regelmäßig im Wellental. Glück mit meinem pommerschen Dickschädel habe ich unter Deck beim Gang zur Toilette, als das Schiff plötzlich einen Satz macht, und kurzzeitig fast auf der Backe liegt. Wasser rauscht über das Deck. Habe beide Hände an der Hose vom Ölzeug. Mein Flug quer durchs Vorschiff wird an der Stirn vom Steuerbordschapp gebremst, am Nasenbein von dessen Kante. Blut tropft auf die Bodenbretter und in die Spüle. Mit aufgeschrammter Nase und einer Beule davongekommen, wieder in der Plicht: "I could do nothing, it was a breaking wave..." entschuldigt sich tropfnass Stephen, der für meinen Toilettengang mit leidensgequälter Miene kurz an der Pinne aushielt, den Brecher aber auf halbem Wind nicht aussteuern konnte. Wasser faßten wir dabei glücklicherweise nicht.

Mein Flug quer durch das Vorschiff in einem brechenden Wellenkamm verlief glimpflich...

Bornholm kommt in Sicht bei rückdrehendem, zunehmendem Wind. Das zeitweise dazugesetzte zweifach gereffte Groß wird wieder geborgen, und raumschots surfen wir nur unter Fock II in der Abendsonne auf Rönne zu, Speed kaum mehr unter 6.5 kn, in Boen nach Handwindmesser jetzt kurzzeitig bis 8 Bft. Rönne in Sicht, erholt sich Stephen zusehends und segelt das Schiff sicher bei langsam rückwärts mitlaufender Maschine in den breiten Haupthafen, die lange, achterliche Welle setzt uns zwischen den Molenköpfen in einen Fahrstuhl mit 3 m Hub. Überzeugend auch hier die sichere Handhabbarkeit des Schiffes, welches die achterlichen Wellen mit seinem geringem Auftrieb im schmalen Heck ohne Tendenz zum Querschlagen glatt durchlaufenläßt. Wir machen in der Abenddämmerung nach 75 Meilen etwas erschöpft, aber zufrieden und glücklich im Marinebecken an der Pier fest, und begiessen den beschlossenen morgigen Landtag, der uns dann den ersehnten goldenen Bornholmer Hering beschert - dafür waren wir ja hergesegelt.


Der goldene Bornholmer Hering, dafür lohnten sich 75 Meilen quer rüber...

Es sollte einen Tag später weiter Richtung SO zur polnische Küste gehen, je nach Kondition und Wetter. Südlich Bornholm hatten wir bei mäßigem bis frischem Westwind bereits die Entscheidung, die Nacht in Richtung Danzig durchzusegeln in Erwägung gezogen, als eine herannahende Boe das Bergen des Groß erforderte, dabei verhakt sich eine Lattentasche hinter der Unterwante und reißt ein. Zur Reparatur ging es nun zunächst nach Neksö an der Südostküste Bornholms. Wir müssen in den Fischereihafen, weil der Yachthafen voll ist und liegen längsseits zwischen anderen Segelbooten dicht an dicht an der Pier. Duschen gibts nicht, weil der Hafenmeister nicht aufzutreiben ist. Während ich die Lattentasche mit kräftigem Segelgarn wieder aufnähe, zaubert Stephen eine hervorragende frische Flunder in Thymiansauce. Ein älterer Skipper aus Eisenach schaut mir beim Nähen zu, und meint: "Ja, ja, nähen ist schon eine Wissenschaft für sich...". Scherzhaft frage ich ihn, ob ich das hier denn nun auch richtig mache - wüßte er nicht, meint er. Er könne überhaupt gar nicht nähen. ("...und auf n'em Segelschiff Skipper? Wenn das mal gutgeht...")

Gegen halb vier Uhr Morgens in Neksö: Wecken auf dänisch. Ein Fischer fährt mit Vollgas an den Segelyachten vorbei, so dass wir wieder und wieder gegen die autoreifenbestückte Pier fliegen, es kracht fürchterlich. Wir nutzen das ruppige Erwachen, und kommen nach einer Dusche am Steg unterm Wasserschlauch früh los, Kurs Kolberg. Einen etwas größeren polnischen Segler auf gleichem Kurs lassen wir am Horizont hinter uns verschwinden, obwohl er eine halbe Stunde vor uns losgesegelt ist. Es ist ein sportlich ambitioniertes, konzentriertes Segelvergnügen mit parallelen Windfäden in der leicht geschrickten Genua, den Traveller meist etwas luvwärts gefahren um den Baum besser steigen zu lassen, offenem Unterliekstrecker und Großbaumniederholer, etwas gelöstem Achterstag und einem schönen Twist im bauchigen Großsegel - bis der Wind ganz einschläft. Die Sonne brennt, die Segel schlagen. Das einzige, was da noch hilft ist: ein erfrischendes Bad in der Ostsee.

Den Rest bis Kolberg motoren wir über glattes Wasser. Die obligatorische Anmeldung per UKW auf englisch bei "Port Control Kolobrzeg" und Einfahrtsfreigabe sowie die Einklarierung beim deutschsprachigen Zöllner ist problemlos. Die romantische, alte Kasematte neben dem Yachthafen ist bewirtschaftet, im Sommer gibts hier Live-Musik, leckeren Räucherfisch frisch aus dem Ofen von Aal bis Zander sowie Gegrilltes.

So, 28.07.2002: Für Stephen ist der Törn jetzt beendet, planungsgemäß reist er per Zug zurück, und ich habe drei Tage Gelegenheit, das Schiff weiter nach Osten zu verholen, bis meine Ehefrau an Bord kommt. Den Versuch, einhand gegen den ONO 4-5 anzusegeln, starte ich nachmittags. Nach ein paar Stunden Kreuzen lassen Wendewinkel und Speed höchtens Darlowo zu, welches für meine Frau mit dem Zug jedoch nicht zu erreichen ist. Da Ustka wegen des später wieder geschlossenen Sperrgebietes für mich eine 36-Stunden-gegenan-Tour bedeuten würde, mache ich nach einem ruhigen Segelabend wieder in Kolberg fest. Ich beschließe, hier auf meine Frau und besseren Wind zu warten. Zudem braucht das Schiff einige kleinere Reparaturen. Der Kunstoff-Klettverschluß der 12 Jahre alten Sprayhood löst sich auf, hier muß nachgenäht werden, im Kabel zum Topplicht gibt es einen Kabelbruch am Mastfuß, und der Spiegel muß innen hinter der Außenbordertraverse verstärkt werden.


Lunch bei Pawel Gryn in seiner kleinen Reparaturwerft

Auf der Suche nach einem passenden Sperrholzbrett für den Spiegel werde ich fündig: Pawel Gryn, der eine Instandsetzungswerft (Holz & GFK) in der Nähe des Kolberger Yachthafens (Strasse Baltica 31) betreibt, hilft mir darüberhinaus mit Epoxifüller-Material aus, und lädt mich zu einer kleinen Feier mit Würstchengrillen und Gitarrenmusik ein, direkt beim Yachthafen. Bei "Nastrovie na budovie" und etlichen Zyviec, Wernesgrüner und Schultheis in einer netten Runde wird eins klar: Die Polen singen gern, gut und ausdauernd. Geschnackt wird auf englisch, deutsch und polnisch. Mariusz, ein junger Englischlehrer klagt über die restriktive Bürokratie, die dazu führt, dass polnische Küstenkreuzer via Ueckermünde über die Peene "rausfahren", um Bornholm, Schweden, Dänemark etc. anzulaufen, da es kleineren Schiffen nicht gestattet ist, die 12-M-Zone seewärts zu verlassen. Mit Mühe finde ich nachts zu meinem Schiff zurück und am nächsten Morgen den Kaffee im Schapp.

Zuviel Vergnügen macht die Arbeit richtig sauer: In praller Sonne mache ich mich Mittags ans ausräumen der Backskiste, abmontieren des Außenborders, Spiegel innen anschleifen, entstauben, primern. Sperrholzbrett mit dem Fuchsschwanz anpassen, Harz mit Füller anrühren, aufspachteln auf Brett und Spiegel, Brett ringsum mit Tape ankleben, von innen mit der Ersatzpinne und dem Korkschleifklotz verkeilen, dass das Harz seitlich rausquietscht. Von außen die Löcher nachbohren, Schrauben mit PU-Masse abdichten und den Außenborder wieder drauf auf die Halterung.

Der Yachthafen von Kolberg, romantisch gelegen zwischen Speichern und der alten Kasematte.

Gerade fertig und die Pütz wieder in der Backskiste, spricht mich ein etwas grantiger deutscher Segler, der mir am Nachmittag mißbilligend zugesehen hat, von oben, von der Pier aus an: "Das Schiff hat doch eine Einbaumaschine. Wozu ist denn da überhaupt ein Außenborder dran?!?" Im Umdrehen wische ich mir die Mischung aus Schleifstaub und Schweiß von der Stirn, und entgegne: "Gute Frage - eigentlich ist er nicht nötig. Aber wenner schonmal dran ist, musser ja nicht wackeln wie ein Lämmerschwanz. Und außerdem, als Reservemotor für die Kanäle, wenn der Mast nicht steht..." versuche ich eine Rechtfertigung. "Alles Quatsch!" unterbricht er mich, "Mein Diesel ist auch 30 Jahre alt, und der läuft wie ne eins!." ...na toll, denke ich bei mir, meiner zur Zeit auch. Erfahre noch, dass er bei der Bundeswehr Unteroffizier war, alles reparieren kann, alles besser weiß, und gehe weiter meinen Aufräumarbeiten nach, in einer halben Stunde hole ich meine Frau vom Kolberger Bahnhof ab.

Kolberg-Darlowo-Ustka-Leba-Wladyslawowo-Danzig (272 sm d.W., 13 Tage)

Nach dem Boarding meiner Ehefrau geht es heute, am Do, 01. August gegen einen leichten Nordost unter Vollzeug Richtung Darlowo, einige Gewitter ziehen hinter uns vorbei, einige vor uns, und dann erwischt es uns doch noch: Segel runter, die vier Blitzableiter ins Wasser, Diesel an, und 20 min gegen den NO 7-9 Bft stehen bleiben, dann weiter über glattes Wasser die letzten Meilen motoren. Per UKW bei Port Control Darlowo angemeldet, an der Zollpier kurz einklariert, durch die stündlich öffnende Brücke - fest an der Sportboot-Pier, und Skipper ab in die Koje: Schüttelfrost, Gliederschmerzen: Drei Tage lang hohes Fieber, Bettruhe. Gedanken an einern Reiseabbruch. Äztliche Törnberatung anrufen? Nach Rügenwalde in die Poliklinik? Ein Auftakt nach Maß für die "Bordfrau": Baden, Bummeln, Einkaufen - und einen Kranken pflegen.

Fünf Tage als "Pest-Frachter" in Darlowo an der Pier. Reise-Abbruch?, Örtliche Poliklinik?, Ärztliche Törn-Beratung per Telefon?

Eine Woche später, Nach zwei fieberfreien Tagen, am Mi, den 7. August war ich dank Multivitaminsaft, Ginseng, Nudeln und Steaks soweit wieder hergestellt, dass an Weitersegeln zu denken war. Wir starten einen Anlauf, das Sperrgebiet Nr. 6 zwischen Darlowo und Ustka zu umsegeln, jedoch frischt der Wind am frühen nachmittag auf einen sonnigen ONO 6 Bft auf. Die Genua wird durch die kleine Fock ausgetauscht, und das Großsegel eingerefft. Die Welle ist nach der Windzunahme noch sehr kurz und steil, das Kreuzen dadurch außerordentlich mühsam. Wir schaffen beim Wendewinkel von 115° gerade 1.6 kn aufs Ziel gerechnet. Meine Frau wird etwas empfindlich gegen die Welle - es ist erst ihr zweiter Seetag und selber bin ich noch nicht wieder topfit nach dem Fieber: Wir beschließen bald, umzukehren, um unsere Kräfte und das Schiff zu schonen.

Als wir Abends wieder in Darlowo einklarieren, erfahren wir vom deutschsprachigen Zöllner, dass das Schießen bereits um 16 Uhr beendet war, und wir von unserer Position aus hoch am Wind quer durchs Sperrgebiet direkten Kurs Ustka hätten nehmen können! Dann wären wir jetzt eine Station weiter - eine etwas herbe Erkenntnis. Das Unternehmen Danzig steht auf der Kippe. Der Wind soll laut Wetterbericht auch in den folgenden Tagen kräftig aus ONO blasen. Es folgt ein Landtag mit Wanderung.

Sonnenuntergang in Darlowo (Rügenwalde)

Nach einem Anruf in Ustka, beim Kommandanten des Schießgebietes, der auf englisch ein Ende der laufenden Übung für Samstag Mittag in Aussicht stellt, starten wir dann doch am Freitag noch einen Umrundungsversuch. Die vorher defensiv losen Wanten hatte ich am Vorabend etwas stärker gespannt, um das Rigg insgesamt zu versteifen, die hinteren Unterwanten etwas gelöst, die Vorderen straff. Die erhöhte Mastbiegung soll mir das Groß flacher ziehen.

Wir kommen früh durch die Brücke, bei leichtem Wind müssen wir sogar Anfangs die Maschine etwas mitlaufen lassen. Ein paar Stunden unterwegs, bringt uns ein grün-weiß gefleckter Hubschrauber - wahrscheinlich auf einem Übungsflug, beinahe in Schwierigkeiten: Wir laufen unter Vollzeug und der Pilot fliegt uns etwas über Masthöhe schräg achterlich an, dreht in 40 m Abstand in Luv um uns einen schnellen Halbkreis und entfliegt. Ich werfe sofort die Großschot los, Kommando: "Festhalten!". Die Rotor-Boe rauscht heran, die Genua legt das Schiff nach backbord auf die Seite, Großbaumnock fast im Wasser, dann schlägt sie back, der Großbaum klappt rüber, und es geht steuerbordseits auf die Backe. Schon war der Spuk vorbei. Nun, es heißt ja auch Warngebiet 9 hier...

Der Riggtrimm macht sich positiv bemerkbar, und wir können gegen den Nachmittags wieder auf 5-6 Bft zunehmenden NO unter straff durchgesetzter Genua und gerefftem Groß gut Höhe gewinnen. Vor allem später, als die Wellen höher und angenehm länger werden, können wir ein paar leichte Winddreher ausnutzen und kommen auf einen Wendewinkel annähernd 90°. Das Schiff läuft optimal bei Lage von 25-30°, wir lassen die nasse Genua stehen und reffen das Groß weiter, Achterstag maximal dicht. Die stündlichen Wenden klappen immer perfekter. Gegen 20:00 Uhr erreichen wir endlich die NO-liche Ecke des Sperrgebietes. Ab jetzt wird die Arbeit zum Vergnügen: Wir bergen das gereffte Groß, und rauschen raumschots durchs Abendlicht auf Ustka zu. Feuerwerk gibts dazu von der Marine im Westen auf See: Raketen auf Fallschirmleuchtkörper - verzögert ein Knall. Wir waren nicht umsonst den ganzen Tag aufgekreuzt für die 15 Meilen Luftlinie bis hier.

Schnell wird der klar befeuerte Hafen von Ustka vor uns größer, es ist dunkel. Die Genua zieht kräftig durch die seitliche 2m-Welle. Der nötige Kursvorhalt, dass das rote Licht der Einfahrt auf Linie bleibt mit dem Leuchtturm dahinter, ist beträchtlich. Wir haben 1.5 kn Strömung aus Luv vor der Küste, die langen Wellen steilen auf, es kommt jetzt wieder Wasser über. Die englische UKW-Anmeldung wird von Ustka nicht angenommen, aber der Diesel geht an. Stabil und mit guter Lage im Schiff, Vorhalt auf die Luvmole, schäumen wir sicher in den geräumigen Vorhafen, wo wir das Segel des Tages: "Unsere schöne Genua" - gelassen bergen können. Ein paar Touristen auf der Mole klatschen Beifall, Blitzlichter. Lieber den Mast schräg in der Einfahrt als Wellentanzen davor.

Ustka wartet nur mit einem Liegeplatz an der Stadtpier und öffentlichen Toiletten im Park auf, jedoch werden wir mit einem guten und preiswerten Essen im Selbstbedienungs-Restaurant beim Leuchtturm entschädigt.


Der Leuchtturm von USTKA, sicheres Geleit Abends bei rauhem Nordost.

Leba nähern wir uns dicht unter Land kreuzend bei böigem und knapp ablandigem Wind - möglichst nicht weiter als 2 Meilen aus der Küste, wegen den zunehmend unangenehm bremsenden, kurzen Wellen. Nachmittags flaut es schralend ab, Strömung und Welle steht noch längs der Küste gegenan, das Vollzeug zieht nur noch zwei Knoten. Wir rechnen 10 Stunden unter Segeln und werfen schweren Herzens den Diesel an.

Vor Leba von See her schon die wüstenhafte Dünenlandschaft in der Abendsonnne auf der Nehrung entdeckt, freuten wir uns auf die anstehende Wanderung dorthin. Die westlichen Untiefen dicht vor der Hafeneinfahrt umschifft, ordnungsgemäß auf englisch bei Port Control UKW 12 um Einfahrtserlaubnis gefragt ("... we are two persons on board, our last port was ustka, can we come inside the harbour?". "Yes, PAHOA, there is no traffic in the channel, you can come inside the harbour, lets go!"), machen wir fast Bruch nach dem Anlegen an der Seekanalpier, unterm Zollhäuschen. Ein Ausflugsdampfer kommt mit Vollgas vorbei, wir haben kräftig zu tun, unsern Kahn von der autoreifenbestückten Pier fernzuhalten, während er einen knappen Meter auf und abtanzt. Der Hafenkapitän heute in Personalunion mit der Zollbehörde, sichtlich überrascht von unserem Anliegen, winkt uns eilig weiter Richtung Yachthafen, einen Faden weiter, steuerbordseits. Ausweise und Anlegen waren hier nach der Funkanmeldung augenscheinlich nicht erforderlich.


Yachthafen Leba, gut ausgebaut auf 2 m Wassertiefe

Wir liegen in einem gut ausgebauten, modernen Yachthafen mit Moorings und Schwimmstegen. Die neue, verlängerte Westmole von Leba erleichtert das Anlaufen jetzt auch bei stärkerem NW-lichem Wind.

Wir erwandern am nächsten Tag die Strecke bis zu den großen Dünen am Strand und lassen das großartige Wüstenerlebnis auf uns wirken - 20 km nur Sand, gesehen von der höchsten, touristisch zugängigen Düne. Wir versuchen für unseren Kocher Brennspiritus ("Denaturat") aufzutreiben, ein in Polen schwieriges Unterfangen - man hat schon Glück, wenn man einen halben Liter im Farbenladen erstehen kann. Zum Kaffeekochen reichte es. Dass die übelriechende, lilafarbene Flüssigkeit in einem kochertechnischen Fiasko enden sollte, stellte sich erst später heraus.

Der mäßige Ostwind bleibt beständig bis Wladislawowo, einem großen Fischereihafen am Westende der Halbinsel Hel. Hier erfolgt die obligatorische UKW-Anmeldung sogar auf Deutsch. Die 10 Stegliegeplätze im hinteren Teil des Hafens sind bei unserer Ankunft bis auf einen belegt. Dusche und Toiletten gibt es in einem Gebäude neben der Hafenmeisterei, der Hafenmeister kommt an den Steg zum Kassieren. Wladislawowo wird aus NO angesteuert, und ist gegen W- bis N-liche Winde gut geschützt. Die Stadt selber ist leider völlig zerstört worden und bietet wenig sehenswertes.
Neblige Flaute zwingt uns am nächsten Tag zum Motoren. Wir lassen Hel steuerbords, das Verkehrstrennungsgebiet "Danziger Bucht" backbords liegen, und nach knappen 40 Meilen laufen wir, nicht ohne an der Westerplatte unsere Bundesflagge gedippt zu haben, das berühmte Krantor passierend, in den neuen Yachthafen Danzig ein. Wir haben unser seit Jahren seglerisch angestrebtes Traumziel auf eigenem Kiel erreicht! Und wie bereits seit Kolberg: In allen Häfen hat unser Schiff den kleinsten Mast, der auch das Kreuzen beim Sechser gut weggesteckt hat. Bei den größeren Booten reichen wir noch nicht mal bis zur Saling...



Im Yachthafen Danzig gegenüber vom Krantor auf der Mottlau, im Vordergrund die alte Speicherinsel mit ihren Ruinen...

Der Hafen auf der Mottlau ist rund um die Uhr bewacht, neue Schwimmstege bieten ca 100 Plätze, etwa 15 davon sind belegt. Strom und Wasser gibt es an den Stegen, saubere Duschen und Toiletten im Container nebenan. Dass auch die Litauer sangesfreudig sind, beweist die neben uns liegende Crew, die am Abend gemeinsam mit polnischen Freunden Shanties mehrstimmig zu Gitarre und Piccoloflöte intoniert. Nachmittags gab es bereits von einer französischen Yacht gegenüber guten Saxophon- und Gitarrenjazz gratis. Eine deutsche Chartercrew mit Kind, sechs junge Naturmenschen aus Schwaben, baden morgens in der Mottlau, so wie sie auch eine Woche zuvor talseits vom stinkenden Kläranlagen-Abwasser in Darlowo gebadet haben - auch die Polen neben uns wirken ein wenig befremdet-belustigt von den abgehärteten Germanen.

Danzig verlassen wir natürlich nicht, bevor wir nicht den Turm der Marienkirche bestiegen, den berühmten Arthushof - den alten Versammlungsort der Hansekaufleute mit seiner prachtvoll restaurierten Innenausstattung sowie das Uphagenhaus, ein Bürgerhaus-Renais-sance-Museum, besichtigt haben. Und alles ohne Eintritt zu zahlen, weil Mittwochs die Museen Danzigs frei zu besichtigen sind. Lecker und preiswert essen kann man überall in den Restaurants in der Fußgängerzone. Das einzigartige Flair der nach alten Fotos, Stichen und Plänen wiederaufgebauten Altstadt mit dem wunderbaren Glockenspiel im Rathaus wird nur etwas durch den beinahe inflationär angebotenen Bersteinschmuck gestört.


Die prächtig und aufwändig restaurierte Danziger Altstadt (Arthushof).

Danzig - Brandenburg a.d.Hvl (352 sm, 14 Tage)

So wiedrig die Umstände der Reise Kolberg-Danzig gegen den meist frischen bis schwachen ONO, mit Gewittern, Krankheit, Schiessgebieten, Flauten waren, so leicht sollte die Rückfahrt werden: Entgegen der Statistik blies das lettische Hoch noch zwei Wochen mal trocken, mal neblig aus NO, obwohl alle Wetterberichte täglich in ihren drei-Tage-Trends eine Kaltfront mit Westdrehung sahen.

Gleich am ersten Tag unserer Rückfahrt überrascht uns starker Geschützdonner im Nebel vor Hel. Die nervös angefunkte Port Control Hel bestätigt gelassen die Infos vom Danziger Hafenmeister, dass die Sperrgebiete 11, 12 und 13 vor Hel frei seien. Wir navigieren nur nach Kompass, GPS und Echolot. Strom versetzt mit 0.5 - 1 kn: Gegenan. Die Küste unsichtbar in einer Meile Abstand, graue Suppe ringsum, ab und zu durchdringende Kanonensalven von irgendwo, erspähen wir nach Einbruch der Dunkelheit schließlich die Molenköpfe von Wladislawowo im Nebel. Die etwas knappen Liegeplätze sind mit Yachten aus aller Herren Ostseeländer besetzt, noch spät Abends segeln Crews los in Richtung Bornholm und Klaipeda, Nachts wieder kommen Schweden und ein Deutscher auf dem Weg nach Danzig an.

Die Fahrt nach Leba erledigen wir bei Küstensicht-Navigation unter Spi, nach Ustka bringt uns ein frischer NO raumschots unter Genua, jeweils brauchen wir viel Sonnencreme und Trinkwasser. Wir lassen die weite Küste mit ihren weißen Stränden und grünen Kiefernwäldern vorbeiziehen und genießen den Urlaub auf See. Nur wenige andere Segel sind auf unserem Weg zu entdecken.


Unter Spi "Karibiksegeln" Kurs West längs der polnischen Küste.

Das Sperrgebiet zwischen Uska und Darlowo queren wir planungsgemäß am Sonntag. Sonntags und Montags finden hier üblicherweise keine Übungen statt. Am nächsten Tag, bei schwachwindigem Wetter auf dem Weg von Darlowo nach Kolberg, machten wir wieder eine unliebsame Bekanntschaft mit dem polnischen Militär: Unter Spi und Groß laufend, weden wir Ziel eines Düsenjäger-Scheinangriffs. Die ersten Sekunden glauben wir, es kommt ein Schnellboot, weil der Punkt auf dem Wasser so rasch größer wird. Die Maschine fliegt von achtern an, kippt seitlich und donnert so dicht an uns vorbei, dass man beinahe die Nieten an den Tragflächen erkennen kann. Der Spi wird von Turbulenzen erfaßt, doch er hält. Sollte man den Radarreflektor aus Sicherheitsgründen aus dem Achterstag entfernen?

Vor der Kolberger Hafeneinfahrt müssen wir auf Anweisung von Port Control ein paar Minuten wegen auslaufender Schiffe warten. Der kleinen Tragflächen-Schnellfähre vom russischen Typ "Raketa" nach Neksö und den Fischern sollte man im engen Seekanal nicht querkommen. Gegen Ende der Ferien nehmen viele Polen die Gelegenheit zu einem Abstecher auf See wahr, die Ausflugsdampfer mit ihren Wikingeraufbauten haben gerade Hochkonjunktur.


Die gut ausgestattete Marina Polmax in Divenow hat auch eine Waschmaschine

Wir nutzen den Ostwind und machen erst wieder ein paar Landtage in Divenow, von wo aus auch bei schlechtem Wetter über die Dziwna das Stettiner Haff leicht zu erreichen ist. In Divenow gibt es einen sehr gut ausgestatteten (Waschmaschine !), kleinen neuen Yachthafen mit ca 15 Mooring-Plätzen gegenüber vom Zoll- und Hafenamt auf der wolliner Seite der Dziwna. Eine Strandwanderung zur Bernsteinküste (NO-lich Divenows) bereichert unsere Souvenirs um einen kleinen Bernstein. Der Ausflug nach Misdroy mit einem Sammeltaxi (5Zt/Person) lohnt sich für uns, wir besuchen den Naturpark Wollin mit Wisent- und Seeadler-Freigehege, sowie die mondäne Seepromenade Misdroys.


Ostsee-Dünenimpression von der Bernsteinküste

Unsere Seestrecke neigt sich dem Ende zu. Nur mit der Genua rauschen wir raumschots dicht unter Wollins Küste zur Seebrücke Misdroy, die Landschaft ist hier ähnlich reizvoll wie die Stubbenkammer. So rauh die Ostsee PAHOA empfangen hat, so seglergnädig verabschiedet sie uns. Wir zischen nachmittags bei herrlichem sonnigen Wetter und frischem Nordost in die breite Hafeneinfahrt Swinemünde, die Danzigflagge im Gepäck!

Die Rückfahrt übers Haff am nächsten Tag gegen einen abflauenden O-SO 4Bft ist ruhig und schnell, die frühe Ankunft erlaubt Abends sogar einen Stadtbummel in Stettin im unversehrten Pariser Viertel zwischen prachtvollen Gründerzeit- und Jugendstilbauten. Am nächsten Morgen ist dann der Mast in Stettin/Goclaw mit Hilfe der Jütvorrichtung schnell gelegt, und die zur Zeit insolvente Stettiner Werft passiert. Ein neuer Yachthafen unter der Harkenterasse mit Schwimmstegen und Toilettengebäude wird ins Logbuch aufgenommen.

Nach der Übernachtung in Schwedt wird die Kanalfahrt bei Eberswalde nachmittags zur nervigen Stesstour, weil zahlreiche Jugendliche hinter, vor und neben dem Schiff von allen Brücken und Sperrwerken in den Kanal springen - hier sollte man Nachts oder früh am Morgen passieren, falls Badewetter ist. Ein Polizeifahrzeug fährt zwar in der Nähe langsam am Kanal entlang, jedoch eingeschritten wurde nicht. Die Jungs treiben die Mutproben sogar soweit, dass fünf dicht vor dem Schiff ins Wasser springen, mittig im Kanal bleiben und das Schiff unter der Brücke stoppen, dann zwei andere knapp links und rechts neben der Plicht ins Wasser klatschen.

Die instandgesetzte Schleuse in Spandau eröffnete uns gegenüber dem Havelkanal eine neue Route nach Brandenburg - so ankern wir nach dem Besuch Spandaus vor dem Schloss Cäcilienhof auf der Havel. Zum Parkspaziergang schwimmen wir an Land, die "Land"-Wäsche in einer Plastiktüte verpackt.

Nach knapp 1000 abwechslungsreichen Seemeilen mit dem Hafenstempel von Danzig im Logbuch erreicht die PAHOA wieder ihren Sommerstand bei der "SG Einheit", Brandenburg a.d. Havel, nach 42 Tagen.

Fazit
Die polnische Infrastruktur für Segler hat sich in den letzten Jahren stark verbessert, es wird höchste Zeit für einen aktuellen Revierführer. Auch für kleinere Yachten ist es dank des Ausbaus wichtiger Hafeneinfahrten möglich, entlang Polens Küste nach Osten zu segeln. Die UKW-Anmeldung bei Port control des jeweiligen Hafens ist wegen des starken Ausflugs-und Fischerei-Schiffsverkehrs ratsam, auch weil dadurch zuweilen die Anmeldung beim "Immigration Office", der Zollbehörde entfällt. Die Hafenmeister erledigen meistens gerne per Telefon beim Auslaufen die Abmeldung. Östlich von Ustka bekamen wir keinen Zöllner mehr zu Gesicht. In Kolberg angelten sie vorm Yachthafen und winkten nur durch. Crewlisten waren in Mescherin und Swinemünde nicht mehr erforderlich. Mit ein paar Brocken polnisch, ansonsten englisch und deutsch kommt man überall klar.

Die gerne verbreitete Mär von der Gefährlichkeit der polnischen Außenhäfen bei auflandigem Wind über 4 Bft gehört in den Reißwolf. Wir sind gut damit gefahren, einlaufend bei hoher Welle ganz einfach die Fock bis hinter die Molenköpfe stehen zu lassen - und die Querströmung mit gutem Vorhalt nach Luv zu berücksichtigen. Die Kanalfahrt bei Eberswalde ist für einen kleinen Küstenkreuzer an Sommernachmittagen komplizierter und gefährlicher. Und: Mit paar Wochen Zeit, n'em guten, kleinen Schiff, Beharrlichkeit und Wetterglück kommt man auch bis Danzig und zurück.

SCHIFF
Typ Jeanneau Sangria Bj 1971
Name, Kennzeichen, Segel-Nr. PAHOA, DD-C-842, GER 667
Maße Lüa: 7,60 m Büa: 2,70 m Tg: 1,30, Festkiel
Maschine: Faryman 6.5 PS Einbaudiesel Bj 1972, und Honda 5 PS Reserve-Außenborder Bj1997

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