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Thomas -Mann Haus in Nida mit "Mittelmeer"-Blick auf das Kurische Haff (Motiv: Irina Steinmann, Foto: Jörn Heinrich)

Zur Mittsommernacht auf der Kurischen Nehrung
(Die Bürger Polens und Litauens stimmen in diesem Sommer dem EU-Beitritt zu)

Jörn Heinrich 2003
(30.5.2003 - 11.7.2003, Brandenburg - Danzig - Klaipeda - Nida - Danzig - Brandenburg, 1108 sm)
(Diese Reise wurde von der Kreuzerabteilung des DSV im Fahrtenwettbewerb 2003, Bereich "See", mit einer Silbermedallie prämiert)

Knackige, süße Weichselkirschen fast so dick wie Tischtennisbälle, eine beinahe beschämende polnische Gastfreundschaft, urige Segler-Plätze wie aus einem anderen Jahrhundert, viel Gesang und Tanz, viele neue Freundschaften - nicht nur unter Seglern; ein Klavierkonzert von A.Vasiliauskas in der Wohnstube von Thomas Mann in Nida/Litauen sowie unvergeßliche Mittsommernachtsfeiern auf der kurischen Nehrung und eine See-Regatta vor Kolberg hielt die diesjährige Segelreise für uns bereit. Alles beinahe zufällig. Wir sind dem Wind gefolgt, und der hat uns bis zur kurischen Nehrung gebracht.

Stettin-Swinemünde-Kolberg 2.6 - 4.6.
Von Brandenburg nach Stettin brauchen wir 3 Tage, dann stellen wir eigenhändig unseren 10m-Mast, Vorfreude und Spannung: Seetörn ins Blaue. Kein Ziel, kein Stress, segeln wohin der Wind uns treibt. Das hatten wir uns vorgenommen. Es ist sommerlich warm, böiger leichter bis frischer SE, kein Wölkchen am Himmel, aber ich bin noch unsicher, was die Einschätzung von Wind und Belastbarkeit des Schiffes angeht. Etwas nervös und übervorsichtig segeln wir untertakelt und langsam Richtung Swinemünde über den Dabie-See los, und kommen deshalb recht spät an. Den folgenden Tag in Swinemünde nutzen wir zum Bunkern, in Polen ist alles billiger: Lebensmittel, Bier, Diesel.
Die Optionen nach dem Aufstehen sind einfach: Mit dem SW entweder Saßnitz, oder Bornholm, dort eintreffend erst bei einbrechender Dunkelheit, oder Kolberg. Dievenow ist uns zu nah. Weil dies der erste richtige "See-Tag" ist, entscheiden wir uns für Kolberg, wir haben bis dahin einen frischen ablandigen Wind, und damit glattes Wasser, gut zum Eingewöhnen für Irina.
Ein kleines Mißgeschick, geschehen auf der Kaiserfahrt nach
Swinemünde, manifestierte sich erst unterwegs: Unser GPS, ein auf dem Kajütdach montiertes Handgerät, hatte ich ungeschickt am Kabel aus der Halterung gerissen, es knallte auf den Kajütboden und zeigte fortan nur noch einen Satelliten an, keine Zeit und keine Position mehr. Wir mussten peilen, koppeln und das Echolot nutzen - alles auf der "kleinen Küstenfahrt" kein Problem, jedoch 15 Meilen vor Kolberg sank die Temperatur schlagartig um 10°C, der Wind drehte im selben Moment von SW 3 auf NE 1, wir fuhren geradewegs in eine Nebelbank. Ab und zu lichtete sich der Nebel, gab 1-2 Meilen Sicht frei, jedoch was wir dann sahen, glich eher der Steilküste von Dover, denn einem flachen polnischen Sandstrand: Der "Kaltluftsee" auf dem Wasser zauberte Luftspiegelungen und verzerrte die flache Küste zu hohen, schroffen Steilwänden. Kolberg musste doch schon in Sichtweite sein - nach Kopplung und Echolot noch 5 - 7 Meilen. Nichts war in Kursrichtung zu sehen, außer unwirklichen Kreidefelsen. Wir passierten einen Segler in gleicher Richtung, der offensichtlich mit schlabbernden Segeln versuchte, zu kreuzen, mal sah man ihn, mal war er plötzlich verschwunden, dann wieder wurde seine Silhouette zu der eines großen Frachters, schließlich konnten wir ihn achteraus nicht mehr ausmachen. Vorsichtig motorten wir weiter, näherten uns langsam der 10-m-Linie. Hier gibt es viel Verkehr, wir wurden ein wenig nervös. Kolberg würden wir schon finden, jedoch hoffentlich nicht ein Fischerboot oder Ausflugsdampfer uns...
Genauso plötzlich wie der Nebel und die irritierenden Luftspiegelungen einsetzten, war dann 2 Meilen vor den Molenköpfen die Sicht wieder "normal", und das Einlaufen völlig unproblematisch - das Molen-Nebelhorn war erst zu hören, als wir längst im Yachthafen fest waren.
Schon am nächsten Abend hatten wir ein neues GPS in den Händen, organisiert über den Hafenmeister, der für uns einen Händler anrief, dieser brachte das Gerät von seiner Einkaufstour aus Stettin mit - zwar sündhaft teuer, dafür aber auch sehr gut, wie er versicherte.

Kolberg-Darlowo 6.6.
"Regatta-Fahrtensegeln" war angesagt. Vor uns ging die 10-m Halberg-Rassy Ägir, dicht hinter uns die Bummler, auch eine HR-Yacht aus dem Hafen. Alle das gleiche Ziel. Während wir die Ägir schnell aus den Augen verloren, lief die Bummler nur langsam achtern auf. Wir wählten einen taktischen Raumschot-Kurs weiter raus auf die offene See, während die Bummler Vorwind-Kurs direkt auf Darlowo setzte. Es wurde spannend. Wir erwischten weiter draussen einen brauchbaren achterlichen Wind, und zogen den grossen, bauchigen Spinaker hoch.

Der nasse 41qm - Spi trocknet in der Sonne...Richtung: Osten (Foto: Irina Steinmann)

Vielmehr wollten wir das, denn während ich vom Vorschiff nach hinten eilte, um die Schoten dicht zu setzen, löste sich das Fall am Mast aus seiner Klemme, und das gerade gefüllte Segel sank gemächlich, aber unaufhaltsam vor dem Bug ins Wasser. Der Autopilot, den ich für dieses Mannöver als Steuermann engagiert hatte (Irina schlief ein wenig, es war sehr warm) piept verzweifelt, als sich das Schiff mit Bremsfallschirm am Kiel und festgesetztem Großsegel im Kreis dreht. Irina taucht aus der Koje auf: "Wenn Du so weitersegelst, kommen wir nie nach Darlowo". Obwohl wir mit ausgebaumter Genua schon fast eine Meile Distanz ersegelt hatten, kam Bummler von achtern fast auf. Man übt. Mit dem doch noch erfolgreich gehissten Spi konnten wir in Darłowo knapp den Brückenzug um 18:00 erwischen, während Bummler erst eine Stunde später in den Hafen durfte! Wir grüßten ihn mit einer Stulle in der Hand von der Pier aus.

Darłowo-Łeba-Władysławowo 7.6. - 10.6.
Das Schießgebiet Nr. 6 ist heute offen. Das heißt für uns eine Wegersparnis von rund 50 Meilen, da wir nicht aus der 12-M-Zone hinausmüssen. Wir kommen als erste durch die Brücke in Darłowo raus auf See, und sehen später, unter Spinnaker dümpelnd, weiter zur Küste hin Ägir und Bummler vorbeimotoren.


Ölig glattes Flauten-Wasser bei sommerlichen Teperaturen vor Ustka (Stolpmünde)

Wir geben seglerisch das letzte, bis das Wasser ölig und glatt ist, dann werfen auch wir resignierend die Maschine an. Ustka, weil ohne Einrichtungen wie Duschen und Toiletten, bleibt steuerbords liegen, wir laufen Łeba an.
Drei Tage später: Endlich wieder Segelwetter. Nicht daß Łeba nicht auch ein lohnender Platz für ein paar Tage Urlaub wäre, aber wir wollen weiter. Gestern noch standen 8 Bft aus W-NW, trieben Gischt über die Molenköpfe und brechende Grundseen dicht zum Fahrwasser an der Einfahrt. Der Sand von der Nehrung hatte sich schon zu grossen Haufen auf der Mole und in der betonierten Zufahrt dahin aufgetürmt, waagerecht stiebte er in den Seekanal, der eher einer Kanu-Wildwasserstrecke glich. Der starke W drückte das Wasser aus dem Łeba -See hinaus ins Meer. Hier wäre mit unserer schwachen Motorisierung kein Einlaufen möglich gewesen, die Strömung hätte uns einfach wieder in die Ostsee gespült.


Der Sand der Nehrung beginnt bei 8 Bft, in Leba die Straßen zu bedecken

Das war gestern. Heute saugt der See wieder Wasser an, und wir setzen beim Auslaufen schon im Seekanal die Fock zur Motorunterstützung. Am Tag bevor der Starkwind einsetzte, war das Hafenbecken vor einer Regatta voller kleiner Segelboote der Optimist-Klasse, aus Litauen, Polen, der Ukraine und Russland. Nicht nur uns fiel eine unangenehme polnische Nickeligkeit auf: Alle Landesflaggen wehten an den Flaggenmasten im Hafen, nur die russische nicht. Es war wohl keine aufzutreiben. Der russische Opti kam auf einen 10ten Platz von über 120 Startern. Dies freute uns, denn was können junge, begeisterte Segler dafür, daß Stalin und Konsorten einst am Ruder saßen? Wir laufen unter Genua II nach Władysławowo.


Die Wanderdünen bei Łeba im Słovinski-Nationalpark: Sahara Pommerns, 20 km nur Sand und Wind

Wladysławowo-Danzig-Klaipeda 11.6. - 15.6

Also doch ein Ziel: Irina will nach Klaipeda. Und das, obwohl sie - als ausgesprochene "Landratte" das Segeln selber garnicht so toll findet, sondern nur das Ankommen im Hafen - nach dem Segeln. Wir dachten morgens schon über den den großen Schlag nach Klaipeda nach, jedoch das Wetterfax von unserem "Wetterengel" Uwe Reimer von der Ägir kündigte für den Nachmittag wieder Starkwind aus West an. Nach unseren langen Schlägen, bei denen wir seit Stettin einfach die kleineren, schlechter ausgestatteten Häfen übersprungen hatten, schrumpfte die Stecke nach Danzig auf eine gemütliche, kleine Tagestour zusammen, so daß wir uns heute für dieses Ziel entschieden. Seglerisch wurde es anspruchsvoll, da vor der Halbinsel Hel der Westwind innerhalb von wenigen Minuten von 3 Bft auf 6 zunahm. Und dies ohne erkennbare Anzeichen am Himmel, das Wasser wurde einfach weiß hinter uns. Gerade noch rechtzeitig erkannten wir die Situation, drehten zur Küste in den Wind, Fockschot dicht, Grossfallklemme aufgerissen, und schon knatterte das Segel und zog den Mast schräg.
Mit zwei Reffs im Groß zischte Pahoa danach übers ablandig glatte Wasser längs Hel, das Schiff wurde so schnell, daß wir noch vor Erreichen des Kaps die Sturmfock setzen mußten. Auf der Breite der Ansteuerungstonne Danziger Bucht sichten wir ein kleines Boot, welches offensichtlich so schwach motorisiert war, daß es gegen die die Welle, Strömung und Wind nicht zum Hafen weiterkam, und kurzerhand an der Tonne festmachte. Notsignale sahen wir nicht, jedoch später löste es sich von der Tonne, und fuhr im Zickzack langsam Richtung Hel. Uns schwante, was uns hinter dem Kap bevorstand: Nichts wie ins Ölzeug, Stiefel an. Kaum aus der Landabdeckung raus, ging der Tanz los. Irina verschwand seekrank in der Hundekoje, der Wind legte kräftig zu. Sie tat mir leid. Ich beruhigte sie: "Weiter unten in der Bucht ist wieder Landabdeckung, da wird die Welle und der Wind weniger." Doch das Gegenteil war der Fall. Die letzten 5 Meilen bis Danzig waren die wildesten. Die Abdrift von 10-15 Grad ließ hauchdünn direkten Kurs auf die Hafeneinfahrt Danzig zu, fast hoch am Wind.
Aber was für ein Kurs: Bei einer Wellenlänge von eben zwei bis drei Schiffslängen eine Wellenhöhe bis zu 2 Metern. Und ein Schiff, welches das fast so locker und weich wegsegelt, als ob es auf unserem heimischen Beetzsee in Brandenburg wäre. Ich kann nicht verhehlen, daß mir die ganzen drei Stunden über die Bucht ein unwillkürliches Grinsen im Gesicht stand, salziges Wasser im Haar und auf den Lippen, die Segel naß bis oben, Leereling im Wasser. Es war Segeln zum Juchzen. Sonnige sieben Beaufort zeigte der Handwindmesser noch an, die Molenköpfe schon in Sichtweite. In Danzig unter Segeln einlaufen - das letzte Jahr war uns dies wegen Flaute nicht vergönnt. Am Zollanleger wollte niemand etwas von uns wissen, so daß wir direkt zur Marina in die Altstadt weiterfuhren, ich den Bauch voll Seglerglück und Irina wieder halbwegs fit.
Zum zweiten Mal laufen wir am Danziger Krantor vorbei in den Yachthafen, diesmal jedoch nicht das Reiseziel, sondern nur eine Zwischenstation. Wir gönnen uns zwei hübsche Landtage mit Besichtigungen.


Bei der Marienkirche wunderbar restaurierter Barock in der Kaiserkapelle in Danzig (Foto:Irina Steinmann)

Abends macht die große polnische Ketsch Solaris neben uns fest, an Bord eine 11-Mann-1-Frau Chartercrew aus Lodz. Die waren 14 Tage auf See und hatten nur zwei Häfen angelaufen, Riga und Klaipeda. Vor Gotland hatten sie wegen Sturm wieder abgedreht, 9 Bft, Hafen anlaufen nicht möglich.
Der schwergewichtige Bord-Krankenpfleger der Solaris bittet uns englisch radebrechend und mit bereits ganz ordentlicher Schlagseite um eine Kerze, für die er mich umarmt und küßt, wenig später schimmert sie auf dem Tisch in der Kombüse von Solaris sanft in unsere Schnapsgläser, randvoll mit selbstgebranntem Wodka. Der Kapitän trug zu unserem Besuch Blazer und Krawatte. Wie auf polnischen Seglern üblich, wird an Bord gesungen, bis der Kapitän dazwischen geht, danach wird an Land weitergefeiert. Bis die Sonne wiederkommt. Irina, schlau wie sie ist, krabbelte schon weit vorm Brüderschaft-Trinken in ihre Koje. Am nächsten Tag fiel für mich das Frühstück aus, danach gabs Aspirin zu Mittag und Spritzverdeck flicken mit Segelmacherhandschuh und Zange. Zum ausschwitzen und Kopf klar kriegen.


Bergeweise werden auf dem Danziger Markt die großen, süßen Weichselkirschen feilgeboten

Wir hätten auch nach den beiden Landtagen eigentlich noch in Danzig bleiben können, es gibt viel zu entdecken, auch in den Stadteilen außerhalb der Altstadt. Wir hatten die Parks von Oliva besucht, in der zahlreiche Mittelmeerpflanzen- und Bäume beheimatet sind, sowie das möndäne Seebad Sopot. Die Windprognose jedoch stand günstig, und so entschlossen wir uns, "prophylaktisch" nach Klaipeda auszuklarieren, gemeinsam mit Ägir aus Grossenbrode, und einer anderen deutschen Yacht. An der Hafenausfahrt war nach der erfolgreichen Abstimmung zum EU-Beitritt vom Wochenende bereits die Europaflagge gehisst.
Wir hielten uns die Entscheidung offen, Hel anzulaufen, falls die Bedingungen auf der offenen See zu hart für uns wären. Es sollte jedoch unsere erste Nachtfahrt werden. Während die beiden großen Schiffe gut gegen den frischen NW aus der Einfahrt kamen, mußten wir schnell Segel setzen, und herauskreuzen, unser kleiner Diesel schaffte es nicht allein. Auf der Danziger Bucht dann ließ es sich gut an, mit gerefften Segeln auf Halbwindkurs nach Nordosten, auch wenn die beiden anderen der "Klaipeda-Flottille" bald kleiner und kleiner wurden. Hinter Hel, auf der freien Ostsee nahm der Wind zu, die Wellen gingen bis zweieinhalb Meter hoch, es wird zunehmend schwierig, den Kurs zu halten. Wir segeln ein paar Stunden unter diesen rauhen Bedingungen, und unsere Entscheidung, nicht umzukehren, wird durch die graue, diesige Wolkenwand hinter uns und den klaren blauen Himmel vor uns vereinfacht. Schon bei guten 6 Bft wird unsere Yacht zur Nußschale auf der weiten See.
Am Abend nimmt der Wind langsam auf 4 Bft ab, und wir setzen später die große Genua bei ausgerefftem Grossegel, gegen Mitternacht geht der Vollmond über den Wolken auf, und taucht das ruhiger werdende Meer in ein unwirkliches, silbriges Licht. Am Horizont ist der russische Leuchtturm Taran zu sehen, der langsam achterauswandert, es wird eisekalt. Beide wollen wir nicht schlafen, obwohl es das Vernünftigste wäre. Als ich den Spinnaker setzen will, meutert die Crew: "Der Spi ist ein SONNEN-Segel, und kein Nacht-Segel." So bleibt es eben bei 3 Knoten unter Vollzeug. Irina hat auch recht, denn nachts kann ich eine plötzliche Windänderung auf dem Wasser nicht erkennen, und bekomme womöglich das übergroße Leichtwindsegel nicht schnell genug vom Mast.



Auf dem Weg nach Klaipeda: Der Vorsegelwechsel auf die große Genua wärmt etwas auf (Foto: Irina Steinmann)

Aus der feuchten Seeluft kriecht bald die Kälte in die Knochen, man kann sich soviel anziehen, wie man will. Ich suche mir Betätigung zum Aufwärmen. Die Nacht-Stunden vergehen ohne daß es richtig dunkel wird, das Restlicht der untergegangenen Sonne wandert von Nordwest über Nord nach Nordost und überstrahlt bald wieder die spärlich aufgetauchten Sterne. Nachdem der Wind völlig weg blieb, übernimmt Irina für zwei Stunden die Wache unter Maschine, und ich darf in die Koje, hundemüde finde ich eine Mütze voll Schlaf, es kostet danach unglaubliche Überwindung, sich wieder aufzurappeln, unter der warmen Decke hervorzukriechen und zitternd vor Müdigkeit und Kälte wieder in der Plicht zu stehen.
Kaum ist Irina unter Deck, ist die Sicht weg: Nebelfelder. Ein Grossegler taucht auf, erst habe ich die Positionslichter nicht zuordnen können, dachte, ein Frachter kommt direkt auf uns zu. Das Adrenalin schießt in die Adern. Gespenstisch schiebt sich der große Zweimaster in der Dämmerung an uns vorbei, zu weit zum Winken -, verschwindet im Dunst. Zum Glück hebt bald ein leichter Nordwest an, treibt den Nebel auseinander und ich kann wieder Segel setzen. Der Sonnenaufgang ist wunderbar, Wärme, endlich ein wenig Wärme. Die letzten zehn Meilen bis Klaipeda! Der Wind geht von 4 über 5 auf Bft 6 NNW, wir müssen einreffen und die kleinste Fock setzen, vor uns ein Frachter mit Lotsenboot, hinter uns ein Frachter mit Lotsenboot. Die letzten drei Meilen zwischen den ein- und auslaufenden Großschiffen ziehen sich unendlich in die Länge, vergehen fast so langsam wie die gesamte Nachtstrecke. Das Zeitgefühl gerät durcheinander, weil plötzlich so viel Aufmerksamkeit gefordert ist. Direkt an der Hafeneinfahrt steht 3 Knoten Strom aus Nord, ich muss in 45° Vorhalt auf die Luvmole fahren, um mittig einzulaufen und das bei 6.5 Knoten raumschots. So schnell kann unser Schiff eigentlich garnicht, es ist ein Surfen ohne Ende, die Pinne brummt. Die kabbeligen, steilen Wellen werfen uns vor, zurück und seitlich, zum Glück saugt das Kurische Haff gerade Wasser aus der Ostsee an und uns damit in die Einfahrt.
Endlich zwischen den Molenköpfen, und im Seekanal, aufatmen mit etwas wackligen Knien. Nach zwei erfolglosen Versuchen, per Funk die Hafenbehörden zu informieren, kommt ein stark motorisiertes Schlauchboot der Grenzpolizei, dreht bei, die sonnenbebrillte Zweimann-Crew bedeutet uns lässig: "Follow me". Wir folgen, und man lotst uns zu einem völlig ungeschützten Anleger. Schaumkronen stehen auf dem Seekanal, der mittlerweile starke NW schiebt seine Dünung bis weit in die Stadt, noch unter der kleinen Fock liefen wir mit Höchstgeschwindigkeit. Die Wellen klatschen hoch bis zu den dicken, meterlangen Hartgummirollen, die an rostigen Ketten an der Betonpier hängen. Die geben keinen Millimeter nach, schon eher unser GFK-Rumpf. Hier könnte ohne Probleme auch ein Überseefrachter festmachen. Ringsum treiben große Plastiktüten im Wasser. Ich kriege das Schiff auch mit der Vollgas drehenden Rückwärtsschraube nicht vor der Pier zum Stehen und gerade noch den Bogen vorwärts wieder weg, verdammt, der Wind ist einfach zu stark. Ein zweiter Versuch, diesmal von der anderen Seite. Irina hangelt sich hoch auf die Pier, die Vorleine in der Hand. Kaum habe ich Leerlauf eingelegt, und versuche, meine Leine durch die rostige, armdicke Festmacheklüse zu ziehen, ist unsere Pahoa schon wieder unterwegs und marschiert flott rückwärts, ein paar Meter achtern braust gerade die Fähre zur Nehrung aus dem Stadtkanal.
"Fest, sofort festmachen" rufe ich Irina zu, die geistesgegenwärtig die Leine ein paar mal um den dicken Eisenpoller bekommt. Mit ein bis zwei Knoten Fahrt hätte sie die zwei Tonnen nie und nimmer aus der Hand stoppen können. Es reißt gewaltig an der Vorleinen-Klampe, fast verliere ich von dem Ruck das Gleichgewicht, doch das Schiff bleibt stampfend stehen. Die litauschen Zöllner in ihren glattgebügelten Uniformen an Land schauen einfach nur zu. Aber gut Deutsch können sie. Und wollen schon Pässe, als ich noch verzweifelt versuche, unsere restlichen Fender zwischen die Bordwand und die Pier zu stopfen. Ich schimpfe wie ein Rohrspatz. Auf Litauen, auf Klaipeda, auf die Zumutungen der Bürokratie. Das verstehen sie glücklicherweise nicht und setzen Ihren Stempel in den Pass, ein Personalausweis hätte hier zum Einklarieren nicht ausgereicht. (Anmerkung: Seit dem EU-Beitritt Litauens sind nur noch Personalausweise erforderlich.)


Ausgelaugt und müde nach 128 sm endlich fest in Klaipeda / Smiltyne

Im Yachtklub Smiltyne auf der Nehrung sollen wir erst zu den großen Yachten an Heckpfähle, die 20 m von der Pier entfernt stehen. Das bei kräftigem Seitenwind, ich sehe unser Boot schon quer zwischen den Pfählen hängen. Ich signalisiere dem Hafenmeister kurzerhand, dass wir solche langen Leinen nicht besitzen, und wir dürfen in das geschütztere Nordbecken, zu den kleinen litauischen Booten. Das Ankommen hatte ich mir leichter vorgestellt. Wie dem auch sei, wir sind fest, "Klaipeda in our Pocket"! Ausgelaugt und übernächtigt, innerlich noch etwas zerwühlt durch den nicht ganz einfachen Landfall setzen wir uns nach dem Aufklaren erstmal ins Cockpit in die Sonne, und genehmigen uns ein wohlverdientes, gutes, polnisches Starkbier.
Danach raffen wir uns sogar noch auf, rüber zum Strand zu gehen, die Beine schwer wie Blei. Der feine, weiße Sand der Nehrung ist hier, dicht beim Überseehafen, durchsetzt von frischen Teer- und Ölklümpchen, die auf den neuen Holzstegen über die Düne von den Urlaubern abgestreift werden. Wir schauen auf die gischtige See und sind froh, festen Boden unter den Füßen zu haben. Alles scheint unwirklich, daß die für uns lange, lange Etappe jetzt tatsächlich glücklich beendet ist, das zartblaue baltische Licht in den Dünen und Kiefern, die Vorstellung, tatsächlich bis auf 15 Motormeilen alles gesegelt zu haben von Danzig bis hier. Unser Pensum lag in den Jahren vorher bei maximal 40-50 Meilen am Tag, diesmal waren es knapp 130. Todmüde fallen wir noch bei heller Abendsonne in die Koje und in einen langen, erschöpften Schlaf.

Klaipeda-Nida-Klaipeda 17.6 - 22.6.
Klaipeda bietet für uns eine wilkommene Abwechslung: Ein Jazz-Lokal, in dem jeden Abend Live-Konzerte unterschiedlicher Bands stattfinden, mitten in der Altstadt. Nach dem Konzert auf dem Weg zum "Ännchen von Tharau" bettelt uns ein vielleicht 10-jähriger blonder Junge in schmuddeligem Trainingsanzug an, er kann sogar ein paar Brocken englisch, und sagt, er will das Geld für "food", untermalt mit einer Geste, die die Hand zum Mund führt. Wir geben Ihm etwas, vielleicht ein Kind von einem Alkoholiker, das es auf der Strasse besser aushält, als zuhause? Nachdenklich besteigen wir unsere Fähre zur Nehrung, die im Sommer auch nachts noch stündlich verkehrt.

Wir entschließen uns am nächsten Tag, den Weg über das Kurische Haff nach Nida zu wagen, obwohl der Wind immer noch heftig aus Nordwest bläst. Ausgestattet mit einer sehr genauen Haff-Karte mit Tiefenlinien und WGS84-Tonnenpositionen (gratis beim Hafenmeister), versichert uns ein einheimischer Segler, daß wir die Hochspannungsleitung sicher auf der Nehrungsseite passieren können, hier ist sie 27 m hoch. Es wird ein rauschender Törn nur unter der kleinsten Fock nach Tonenstrich, und unter Segeln laufen wir in Nida ein. Das Haff-Fahrwasser (max. Tg: 2 m) ist nur an manchen Stellen schmal: Vor Juodkrante sollte man sehr genau nach den GPS-Positionen der Haffkarte fahren, da wird es nach Osten hin schnell flach. Ansonsten sind Wassertiefen um 2 m sogar zum bequemen Kreuzen vorhanden. Dicht vor Nida gehen Fischernetze bis an den Tonnenstrich und liegen an der Wasseroberfläche, ansonsten wird mit Stellnetzen an Pricken seitlich des Fahrwassers gefischt.

Stürmischer Juni 2003 in der Südöstlichen Ostsee - Bft 8-9 mit Orkanboen auf der Kurischen Nehrung

In Nida angekommen, wandern wir zur großen Düne, die bald ganz ins Haff abgetragen sein wird, sie wird von Jahr zu Jahr kleiner. Wir sollten - etwas entgegen unserer Planung - noch fast eine Woche hier bleiben. Zunächst war ein Verholen nach Klaipeda und die Rückfahrt zur polnischen Küste wegen andauernder Starkwindlage aussichtslos, und danach blieben wir noch zwei Tage, um die Mittsommernacht - eingebettet in ein dreitägiges Folklorefestival, hier zu feiern.


Die große Düne bei Nida wandert dank der gelungenen Befestigung vor genau 100 Jahren nur noch Richtung Haff und wird von Jahr zu Jahr kleiner

Die Mittsommernachts-Feierlichkeiten begannen mit einem Zeremoniell auf dem Hügel nahe Nida. Um den Festplatz oben am Leuchtturm lag eine lange Girlande aus Eichenlaub. Der runde Platz sollte nur durch ein eichenlaubgeschmücktes Holztor betreten werden. An diesem Tor warteten zwei Frauen in traditionellen Trachten, eine mit einem kleinen Krug mit Wasser, die andere mit einem Leinen-Handtuch. Wir standen zunächst zögernd vor dem Tor. Die eine der beiden Frauen erklärte uns freundlich auf deutsch, daß wir mit dem Wasser unsere ganzen "schlechten" Gedanken abwaschen sollten, was wir denn auch taten: Geläutert traten wir ein in den heiteren Kreis. Es gab in lockerer Atmosphäre kaltes Buffet für alle, Tanz und wundersam anrührende Musik. Das alles mit dem Blick auf die weite, noch windgepeitschte Ostsee und die untergehende Abendsonne. In einer Fackel-Prozession folgten wir dem Tross hinunter zum Hafen, wo eine berühmte litauische Sängerin, Veronika Pavilioniene mit dem Aussehen einer pommerschen Bauersfrau mit Ihrer Band auftrat. Jung und Alt, Touristen und Einheimische tanzten zusammen, sogar die etwas steifen norddeutschen Segler ließen sich begeistert im Kreis schwenken. Das Feuerwerk zu Mitternacht wurde ein paar Meter von unserem Schiff entfent auf der Pier gezündet. Um Rußflecke zu vermeiden griff ich schnell nach der Pütz, und habe unserm hübschen, alten Kahn auch die schlechten Gedanken mit ein paar Eimern Haff-Wasser abgewaschen.

Auf der Rückfahrt nach Klaipeda ging es unter Segeln aus dem Hafen, schnell stellte sich heraus, daß wir mit dem zweifach gerefften Groß und der kleinsten Fock eigentlich noch deutlich übertakelt waren, seis drum, wir fuhren Kante übers glatte Wasser, und wurden von den beiden grossen Halberg-Rassys erst an der Hochspannungsleitung dicht vor Klaipeda überholt, als unser kleiner Tuckerdiesel genau gegenan nicht mehr mithalten konnte.


Kurenkahn im Hafen von Nida (Nidden) am Kurischen Haff - noch heute fahren diese Schiffe ohne Maschine nur unter Segeln

Wieder in Klaipeda. Leider trennt sich nun unsere Route von Ägir und Bummler, mit denen wir seit Kolberg eher zufällig fast die gesamte Reise bis hier geteilt hatten. Wir hatten zusammen geschnackt, getrunken, getanzt. Wir aßen noch gemeinsam zu Abend, doch am frühen Morgen waren die beiden netten Crews bereits Richtung Norden verschwunden, und wir sitzen immer noch im Hafen. Es ist eine nervöse, alleingelassene Stimmung an Bord, es gibt schon wieder Sturmwarnung für die SE-liche Ostsee, es soll bei W 8-9 orkanartige Gewitterboen bis 12 geben, das verbleibende Zeitfenster bis dahin reicht einfach nicht, um sicher die hundert Meilen zur polnischen Küste zu laufen. Wieder ein bis zwei Landtage zusätzlich, die Zeit wird langsam knapp. Am kommenden Wochenende soll der Crew-Wechsel stattfinden. Am liebsten in Danzig. Aber wie hinkommen? Der Sturm belastet die Stimmung, immer wieder Wetterberichte, und jetzt fehlt uns die 5-Tage - Wetterfaxvorhersage von Bummler und Ägir doch ein wenig. Wir besitzen ein solches Gerät nicht, und hören auf 177 kHz Seewetter vom Deutschlandradio Berlin, dreimal am Tag haben wir Verabredung am alten, pfeifenden und knacksenden Radio, um zwischen russischen Nachrichten und Opern die verrauschten Windstärken zu erlauschen, es ist nicht ganz einfach, hier den Sender noch reinzubekommen. Wir sind fast süchtig danach, und immer wieder die Enttäuschung: WNW 7, SW 7-8, Süd-drehend, Gewitterboen, etc... Es zehrt schon etwas an der Nerven. Zumal es jetzt anfängt, wie aus Kübeln zu schütten. Der Regen fliegt waagerecht. Wir schauen uns das Delphinarium und das beeindruckende Meeresmuseum und Aquarium in der alten Kasematte auf der Nehrungsspitze an, zu Fuß vom Yachthafen aus zu erreichen.

Klaipeda-Danzig 25.6 - 26.6., Crewwechsel
Es war eine 5 Meter hohe See angesagt, noch gestern auf der SE-lichen Ostsee. Tagelanger Sturm aus W hatte das Meer aufgewühlt, der sonst breite Strand bei Klaipeda war auf einen schmalen begehbaren Streifen zusammengeschrumpft. Wir lassen uns Zeit bis Mittags, mit gutgefüllten Mägen geht es zum Zoll, wo uns diesmal die Zöllner beim Ablegen helfen wollen. Der Wind sollte abnehmen, und von W auf N drehen. Im Hafen schaukelten die Schiffe auch schon merklich weniger. Gewaltig kamen uns jedoch die Wasserberge vor, die dann vor der Hafeneinfahrt auf uns zurollten, immer noch brach die alte Dünung über die Molenköpfe. Das Auslaufen war nicht ganz einfach, gerade weil der Wind soweit abgenommen hatte, dass die volle Besegelung kaum gegen die entgegenlaufende Welle ankam. Mit Motorunterstützung schafften wir es langsam, aber beständig weg von der Küste, ins sichere Tiefwasser, wo die Wellen nicht mehr ganz so hoch und steil waren, aber Irina hatte die schauklige Ausfahrt gründlich die Laune verdorben, sie war wieder etwas seekrank, schimpfte auf die See, den Wind, die Wellen und das Segeln im allgemeinen.
Sonst ängstlich jedes Gewölk am Himmel beäugend, war ich diesmal dankbar, daß uns das abziehende Tief aus N noch die ein oder andere Boe schickte, die die Strecke nach Danzig verkürzen half. Als Irina spät Abends unter Deck verschwindet, habe ich mehr Platz im Cockpit, um rascher die Segel auf die Winddrehungen optimal einzustellen. Das Schiff läuft wunderbar, obwohl das Groß zehn und die Genua mindestens sieben Jahre auf dem Buckel haben. Wie auf der ersten Nachtfahrt ist es ein großes Erlebnis, mich der See und dem Wind anzuvertrauen. Ein Gefühl des Eins-seins mit sich, dem Schiff, den rhythmischen Bewegungen der Wellen, wie es viele andere Segler erlebt und beschrieben haben, stellt sich ein. Diesmal ist es wegen der klaren Nacht noch heller im Norden, wo die Sonne knapp unter dem Horizont wandert. Ganz entfernt, dichter an der russischen 12-Meilen-Zone, fährt ein Frachter, ansonsten sind wir allein auf See.

Gegen Morgen, noch etwa 45 Meilen von der polnischen Küste entfernt, nimmt die zunächst ruhiger gewordene alte Dünung wieder zu, kommt diesmal jedoch unangenehm seitlich ein, und die Segel beginnen im viel zu flauen Rückenwind fürchterlich hin und her zu schlagen. Nichts hilft, so berge ich das Großsegel, lasse die Genua zur Stabilisierung stehen und starte die Maschine. Irina übernimmt die Wache, und ich kann drei Stunden schlafen, nachdem ich die Sonne kurz nach dem Mond habe aufgehen sehen.

Als die polnische Küste näherkommt, haben wir wieder guten Segelwind, der uns flott über die Danziger Bucht trägt. Ich segle das Schiff fast teilnahmslos zwischen den Überseefrachtern, keine Euphorie, keine Aufregung - einfach nur ein bischen erschöpft und müde. Nach ca 27 Stunden auf See sind wir schließlich wieder fest im Yachthafen gegenüber vom Krantor in der Altstadt. Wie war dies noch letztes Jahr, bei unserer Danzig-Premiere: Für uns eine seglerische Höchstleistung die alte Hansestadt zu erreichen, mit der Sorge: Ob wir das wohl je wieder nach Hause schaffen? Und jetzt:
Prima, Danzig! Da sind wir ja fast schon vor der Haustür. Alles erscheint vertraut und anheimelnd, bis auf die Einklarier-Pier direkt hinter der Hafeneinfahrt. Hier geht es nicht ums Einklarieren, sondern darum, sein Schiff während der Wartezeit auf die Grenzer nicht an der Pier zerschellen zu lassen. Besonders die stark motorisierten Schlepper, die alle 3-4 Minuten vorbeikommen, werfen einen ganz üblen Schwell. Das nächste Mal werde ich nicht direkt Danzig, sondern zum Einklarieren erst Hel anlaufen.


Ein Graffity mit einem traurigen Seemann an der Wand des Seglerladens bei der Marina Gdansk

Crew-Wechsel steht an. Irina geht, Stephen kommt. Einen Abend verbringen wir gemeinsam, an dem wir zu vorgerückter Stunde noch der vor vierzehn Tagen ausgesprochenen Einladung des Kapitäns der Morka - Sbigniew Safranowicz, ein polnischer Weltumsegler - nachkommen, und zum Seglerclub "Zeijman" auf der Speicherinsel hinübergehen. Der äußerlich völlig unansehnliche Schuppen mitten zwischen Ruinen ist kein Platz, an den sich zufällig ein Tourist verirrt, schon die holprige Zufahrt mit Kopfsteinpflaster und Schlaglöchern ist geeignet, sogar Fußgänger abzuschrecken, ein ausgeblichenes, ehemals schwarzes, handgemaltes Schild ziert die Giebelseite.


Im Danziger Segelclub "Zeijman" - Mitbringsel von diversen Weltumsegelungen zieren den gemütlichen Platz zum Feiern

Aber welche Überraschung, durch die viel zu niedrige, schwere Eichenholztür einzutreten: Fast eine Zeitreise, auf jeden Fall mehr als eine Weltreise findet sich hier, zumindest in Form von Seglerpostkarten, abgestempelt auf den jeweiligen Schiffen, alle Banknoten dieser Welt sortiert nach Kontinenten hinter Glas an den Wänden, alte Flaschen, Buddelschiffe, Seefahrtspatente in Vitrinen, Fischernetze als Raumteiler, die Deckenbalken stammen aus dem 16ten Jahrhundert, wie der größte Teil des Gebäudes. Auf alten Seekisten aus Eichenholz mit schweren Beschlägen thronen große Atlantikmuscheln, Krüge - wer weiß woher, schummriges Licht scheint in Biergläser, viele tanzen zur Musik, wer nicht mitsingt, klönt in lauschigen Sitzecken an derben Holztischen, aus alten Schiffsplanken gefertigt. Man trägt sich hier bei der Ankunft in eine Klub-Liste ein, auf der Bühne singt jemand Shanties zu Gitarre und Saxophon. Unwillkürlich erstehen Bilder vorm inneren Auge von derben Matrosengelagen, die an der gleichen Stelle schon vor langer, langer Zeit stattgefunden haben mögen. Wir sprechen mit einer jungen Seglerin, die sich für eine Atlantiküberquerung von ihrem Journalismus - Studium ein Jahr Urlaub genommen hat, nur um zu segeln und darüber zu schreiben. "Zeijman international maritime club" in Danzig - ein unvergleichlicher Platz für Geschichten, Träume und Seglersehnsüchte - und neben der Mittsommernacht in Nida der zweite Höhepunkt dieser Reise.


Nach dem Ablegen mit Stephen in Danzig vorm Krantor


Danzig-Wladysławowo 29.6
Am nächsten Tag macht sich Irina per Bahn auf die Socken nach Berlin, und Stephen und ich legen ab Richtung Wladysławowo, es wird ein netter, entspannender Segelnachmittag unter Vollzeug, als wir in Władysławowo anlegen, beginnt es leicht zu regnen. Vom Hafenplatz dröhnt die Stimme eines Animateurs herüber, der die halbe Stadt beschallt. Zwischendurch gibt es Gesang, aber das meiste davon ist nur schrecklich banal. Wir überlegen schon, vor den Hafen zu fahren, zum Ankern. Warum sind wir nicht gleich weiter Richtung Łeba geschippert? Es gab für Nachmittags eine Warnung vor Gewittern, die jedoch bislang auf sich warten lassen. Auch das Feuerwerk zu überlauter Discomusik passt perfekt in die Tourismuskulisse mit Luna-Park und Remmi-Demmi. Wahrscheinlich ist dieser Platz in seiner Trostlosigkeit im Winter wenigstens authentisch.

Władysławowo-Łeba 30.6.

Erstmal alles verpatzt. Wir wollten rasch weiter, Deutschlandradio Berlin sagte für heute hier vereinzelt Schauer und einen mäßigen Ostwind an, den galt es zu nutzen. Wir werden vorm Ausfahren zunächst von Port Control zurückgepfiffen, und müssen eine halbe Stunde im Hafenbecken Kreise ziehen, bis ein großer Frachter endlich eingelaufen und fest ist. Gut so! Dann kaum raus aus dem Hafen, zieht wie aus dem Nichts bei bewölktem Himmel eine mächtige Gewitterfront auf. Es blitzt und kracht, wir drehen sofort um, und wettern im Hafen ab. Von Donnergetöse war keine Rede im Früh- Wetterbericht! Mittags im Internet-Cafe (Im "Haus der Fischer") zeigt die Blitzkarte von Wetteronline.de für 10:00 die höchste Rate von über 80 Blitzen/min genau über uns. Und die Front hatte sich bereits etliche Stunden vorher gebildet, Südwestlich unserer Position mit bereits um 7:00 klar erkennbarer Zugrichtung, weit vor der Zeit, an der der DWD die Seewetterdaten für den Vormittags-Wetterbericht zusammenstellt. Es war darin immer noch keine Rede von schweren Gewitterboen über der Südöstlichen Ostsee. Wir sitzen entscheidungsunfähig und frustriert auf unserm Schiff, und starren in den Regen. Noch eine Nacht hier?

Nachdem noch einige heftige Gewitter über Władysławowo niedergegangen waren, wagen wir uns bei aufklarendem Wetter am frühen Nachmittag wieder auf See, diesmal erfolgreicher, ein leichter E bringt uns bis zur späten Abenddämmerung unbehelligt nach Łeba.

Łeba -Ustka-Darłowo 1.7 - 2.7.

Alle verstehen was vom Wetter, aber keiner weiß wie's wirklich wird. In Łeba liegen morgens große Yachten, die im Hafen bleiben, weil eine Kaltfront aus SW angesagt ist. Der DWD sagt E-NE 3-4 an, wetteronline.de ähnliches für die nächsten 12 Stunden. Das Barometer fällt am frühen Vormittag um 3 Millibar und bleibt dann bei 1000 HPa stehen. Wir gehen Mittags raus. Der Wind nimmt stetig ab, es zieht sich zu und beginnt zu regnen, mal mehr, mal weniger. Endlich Regen!


Sand stiebt in Windrichtung vom Kamm der höchsten Düne in der "Polnischen Sahara" bei Łeba im Nationalpark Słowinski

Die nervöse Spannung, die Genua in einer böigen Kaltfront schnell herrunterreißen zu müssen, legt sich, denn dies ist einfach nur ein warmer, langsamer Sommerregen, der das Salz aus unseren Segeln wäscht. Wir laufen Ustka an, um hier die Passagemöglichkeiten für das vor uns liegende Sperrgebiet Nr. 6 zu erfahren, welches wir eventuell Nachts queren wollen. Die Piers sind voller Segelboote, Karol, ein junger polnischer Einhandskipper einer ähnlich kleinen Yacht wie unserer, hilft uns längsseits zu gehen. "Dann wären wir ja für mindestens drei Tage Nachbarn" meint er auf englisch. Erstaunte Nachfrage unsererseits. Der Hafenmeister hätte das Recht und die Pflicht, bei extremer Wetterlage das Auslaufen zu verhindern, seine Antwort. Zum Beispiel bei Windstärke 6-8, in Boen 10 - so die neueste polnische Sturmwarnung - speziell für den Westabschnitt polnische Küstengewässer. Es regnet. Wir spannen die Plane übers Cockpit.

Direkt neben uns sind Bauarbeiter zugange, große Löcher für Ladenfenster in eine Hauswand zu brechen, der Bohrhammer übertönt noch den Rest des Abends jedes Gespräch. Wir denken, wir haben uns verhört - Sturmwarnung? Und verholen ins City-Buffet beim Leuchtturm zum Abendmenü: Leckerer Schweinebraten mit Knoblauchsoße, als Nachtisch wetteronline.de, dwd.de und Schwedenwetter im angeschlossenen Internet-Cafe. Nichts da von Sturm, alle Zeichen stehen auf Schwachwind die nächsten 24 Stunden entlang der Küste von Ustka bis Swinemünde. Wir wälzen eine knappe Stunde lang Profi-Isobaren, Höhentemperaturen, Vorhersagen, Blitzkarten. Speziell hier bei uns und westlicher auch unter verschiedenen Modellen kein Millibar Bodendruckunterschied auf über 100 Seemeilen für die nächsten 24 Stunden - Wo soll da der Wind herkommen? Unser Barometer sagt uns das gleiche.

Im Hafenamt konsultiere ich nach dem Essen den Hafenkapitän sowie den Sprecher von Radio Słupsk, die von hier aus die Sturmwarnungen auf UKW senden. Beide sehen sehr, sehr besorgt aus und fragen mich hintergründig, bis zu welcher Windstärke unser Schiff laut Schiffsdokument denn zugelassen sei - reagieren mit einer Miene, die sagt: "Das geht nicht gut aus", als sie erfahren, in Deutschland ist nur der Skipper verantwortlich, und daß es keine Windbeschränkung für das Schiff gibt. Ich füge eine kurze Beschreibung meiner Sicherheitausrüstung hinzu. Sie versuchen, das Bezahlen der Liegegebühr hinauszuzögern. Ich solle erst kurz vor dem Auslaufen die Gebühr entrichten. Mein Handy-Telefonat mit der Kommandantur des Sperrgebietes 6 öffnet ein Zeitfenster für die direkte Passage von Mitternacht bis 8:00 Morgens, und ich verspreche den beiden im Hafenbüro, daß ich kurz vor Mitternacht nochmal vorbeikomme, um nach dem neuesten Wetterbericht zu entscheiden, bestehe aber auf der sofortigen Begleichung der Liegegebühr. Die beiden machen den Eindruck, sie würden mich zu meinem eigenen Schutz am liebsten irgendwo einsperren - nehmen wiederwillig das Liegegeld an. Als ich zur Bezahlung die Schiffslänge 7,60 m nenne, sehen die beiden sich lange an: "Der muß wohl lebensmüde sein...".

Wie dem auch sei, wir stellen den Wecker und legen uns nach dem beruhigenden DLR-Wetterbericht aufs Ohr, nebenan auf der Baustelle sind jetzt die Zementschaufeln zu hören. Mit einer kleinen Mütze Schlaf im Gemüt stehe ich Mitternacht im Hafenbüro wieder auf der Matte. Wort für Wort wird mir der neueste polnische Wetterbericht für die kommenden 12 Stunden übersetzt: W2-4, rasch SE-NE-drehend, auf 5-7 zunehmend, später über SW nach NW drehend, 6-8, in Boen 11. Für den Westabschnitt der polnischen Küste. Im Osten noch mehr. "Kann nicht sein, die Schweden und zwei deutsche Dienste sehen das anders...". Ich skizziere kurz das Resümee unserer Recherche, bei der Sturm wenn überhaupt, frühestens Morgen Mittag, und viel weiter NE-lich sowie über der Danziger Bucht zu erwarten ist. Als ob sie mir die letzte Ölung verabreichen, reichen sie mir mit gesenktem Blick das Blatt mit dem polnischen Wetter. Mit dem deutlichen Hinweis, dass ich "...auf eigenes Risiko..." auslaufe, wünschen sie mir resignierend Glück und gute Wache.

Schweigsam machen wir das Schiff im Dunkeln segelklar, es regnet immer noch. Auf der Pier flanieren die letzten Spaziergänger unter Schirmen, ein paar Halbwüchsige in Regenjacken leeren gemeinsam ein Flasche Wein, die dann in hohem Bogen ins Wasser fliegt. Unsere innere Uhr steht auf schlafen, nicht auf segeln.

Vor dem Ablegen setzen wir uns hin, wägen alles erneut ab. Bei schneller Winddrehung und -zunahme nach SE bis NE können wir unter Landabdeckung sicher nach Darlowo laufen. Kommt der starke NW früher als erwartet, kehren wir um, und sind 2 Stunden später wieder in Ustka. Wir holen eine SMS von Wetteronline.de aufs Handy: Für unser Seegebiet die nächsten 24 Stunden vernachlässigbarer W-SW. Wir machen unsere Leinen vom Nachbarschiff los. Karol, gerade aus der Discothek zu seinem Schiff zurück, hilft uns, und meint, bei Sturm könnten wir ja hinter Bornholm in Deckung segeln - was wir mit unseren Isobaren-Kenntnissen mit Sicherheit nicht vorhaben.

Auslaufen um Mitternacht. Als sich das schwarze Tor zur Ostsee zwischen den Molenköpfen langsam öffnet, kommen mir doch leise Zweifel, ob die Entscheidung nicht fatale Folgen haben wird. Von der Pier grölen ein paar besoffene Angler herüber, ein Auto bei der anderen Mole blendet, es beginnt wieder zu regnen, Wind gibt es so gut wie keinen, es ist stockdunkel, Neumond. Die hohe Dünung aus NE versetzt das Schiff in heftige Gierbewegungen, die völlig unerwartet kommen, weil man die Wellen nicht sieht. Gut festhalten und den Lifebelt mit dem Karabinerhaken an der Reling einpicken ist angesagt. Wir motoren gegen den schwachen W nach GPS-Wegepunkten dicht unter Küste durch das Sperrgebiet, kein anderes Schiff ist zu sichten. Etwa mittig im kleinen Sperrgebiet 6a fällt das GPS für eine halbe Stunde aus, doch der Kompaß glüht dunkelrot in der Dunkelheit und führt uns exakt auf unseren GPS-Weg, als dieses wieder funktioniert. An der Küste sind zwischen den Regenschwaden alle Orte und Peilmarken klar zu identifizieren. Ich schicke Stephen in die Koje. Auf der Hälfte der kurzen 25-Meilen-Etappe erst werde ich nach und nach sicherer, daß alles richtig war, und in der Morgendämmerung ziehen wir 5 Meilen vor Darłowo die Segel hoch, doch fünf Minuten später dreht der leichte W auf SW und bleibt dann ganz weg. Wir motoren gemächlich weiter, und entscheiden, mangels Wind nicht nach Kolberg zu laufen. Um 6:00 Uhr fest an der Pier in Darłowo, legen wir uns schlafen. Mittags, beim Frühstück ist es leicht bewölkt, dann und wann weht ein leises Lüftchen aus W-SW.

Der Hafenmeister in Darłowo wartet mit einer positiven Überrschung auf: Es gibt seit einer Woche einen unentgeltlich zu benutzenden Sanitärcontainer mit Stromanschlüssen an der Sportbootpier. Er erzählt uns etwas von sehr stürmischem, regnerischen Wetter, und daß sogar die Schnellfähre nach Bornholm heute wegen Sturm im Hafen bleiben muß. Bis abends jedoch ist es in Darłowo heiter, nur von brauchbarem Segelwind ist nichts zu spüren, wir sind gespannt, wie das Wetter sich weiterentwickelt. Frischgeduscht sitzen wir im sonnigen Cockpit und witzeln über den armen Karol drüben in Ustka, der jetzt bei allerruhigstem Wetter immer noch ohne sanitäre Einrichtungen neben dem Presslufthammer logiert, weil er nicht weiter darf, und sich eine Toilette im Park suchen muss. Zugegeben: Es hätte auch anders kommen können, aber nach solcher Prämisse handelnd darf man eigentlich überhaupt nicht ablegen. Nie.

Darłowo-Kolberg 3.7 - 4.7.

Jetzt ist das Tief über der Ostsee, und will nicht mehr weg, verstärkt sich, statt sich aufzufüllen, und der Wind pfeift in der Takelage. Gerade habe ich den Wetterbericht gehört, es ist 7:00 morgens. Also zurück in die Koje, denn gegen einen W-SW 5-6 nach Kolberg ackern? Nicht unbedingt. Stephen tut so, als schläft er noch, ein sicheres Indiz, daß er heute kein gesteigertes Interesse an nassgesegelten Klamotten hat. Sportlich ist das nicht gerade, aber materialschonend. Ich kann mir momentan keine neuen Segel leisten. Mittags stehen wir auf der Mole, die ab und zu von Gischt überspült wird. Ein Ausflugsdampfer läuft aus. Das 25-m Schiff tanzt wie ein Korken auf der 3-Meter-Welle, die zwischen den Molenköpfen steht. Kaum die Nase auf der Ostsee, dreht sich das schwere Schiff in der starken seitlichen Strömung nach Steuerbord weg, wird von einer großen Welle erfaßt, und verpasst mit dem Heck um Haaresbreite die Leemole. Die Gäste an Bord schreien erschrocken auf. Nein danke, das machen wir jetzt nicht nach. Unser Windmesser zeigt 6 Bft an. Eigentlich segelbar - wenn der Wind nicht genau aus Kolberg käme.



Auslaufen aus Darłowo in die untergehende Sonne, Kurs Kolberg bei SW 2-3 Bft

Das Warten auf besseren Wind lohnt sich für uns, denn gegen Nachmittags beruhigt sich das Wetter etwas, es ist für die Nacht ein SW 4-5 angesagt. Wir entscheiden, den günstigen Wind zu nutzen, zumal ich gerne nach Kolberg zur "Silver Bell Regatta" will, die immer am ersten Juliwochenende stattfindet.

Nach einem ordentlichen Abendessen geht es mit untergehender Sonne aus dem Hafen. Die Regatta soll Höhe- und Abschlusspunkt unseres gemeinsamen 1-Wochen-Törns werden. Nachtsegeln wird langsam zur "schlechten" Angewohnheit. Wir machen die Wach-wechsel nach seglerischer Leistung: Wer keine Höhe am Wind mehr schafft, weil er unkonzentriert segelt, muss in die Koje. Zunächst können wir fast genau Kurs Kolberg anlegen, doch dann schralt der SW, die Wellen werden kabbelig und steil, so dass wir nach Süden dicht unter Land kreuzen, was nicht ganz einfach ist, denn man sieht nachts sehr spät, was nicht stimmt im Rigg, vertüddelte Genuaschoten inbegriffen, Stand der Segel hoch am Wind. Immer wieder leuchtet die Taschenlampe ins große Vorsegel auf die Windfäden. Nur ein paar hundert Meter weiter flackern Lagerfeuer am Strand, der Blick hängt auf dem Echolot, wir bleiben bei der 5-m-Linie. Ich kann drei Stunden ruhig schlafen.


Kreuzen dicht unter Küste bei SW 5 Bft Richtung Kolberg, Morgendämmerung

Als morgens die Küste wieder sichtbar ist und ich meine Wache übernehme, bin ich erstaunt, wie dicht wir bei 5 m Wassertiefe unter Land stehen, bei Tag hätte ich mich wahrscheinlich nicht so nah an den Strand getraut. Doch es segelt sich hier wie auf einem Binnensee, gegenan hoch am Wind mit fünf Knoten. Bald müssen wir einreffen, aber noch hält der knapp ablandige WSW 5. Kolberg schon in Sicht, wird es dann härter: Eine Schauerboe zwingt uns zum weiteren Reffen und zur Motorunterstützung, der Wind springt auf über 6 Bft auf, und kommt jetzt genau gegenan die Küste runter, es wird nass im Cockpit. Eigentlich sind wir 2 Stunden zu spät losgesegelt, aber wir schaffen es vor einer weiteren Windzunahme aus W bis in den Hafen Kolberg.

Wir haben einen Segel-Lag, als wir spät nachmittags aus der Koje steigen - man ist aus der Normalität gerissen, wenn man mit Kaffee in der Abendsonne frühstückt, während auf den anderen Schiffen Biergläser erklingen. Zur formellen Regatta-Eröffnung mit dem Bürgermeister im Rathaus kommen wir ein paar Minuten zu spät, jedoch was für alle Skipper und Crews geplant war, ist dünn besucht, wir stehen in unseren Segeljacken etwas verloren zwischen den Honoratioren mit Anzügen und Krawatte herum, jedoch der Vorsitzende des ausrichtenden Vereins "Yachtklub Joseph Conrad" nimmt sich unserer an, und heißt uns als Regattateilnehmer auf deutsch herzlich willkommen.

Konzert und Tanz gibts abends in der alten Kasematte am Yachthafen, wir treffen all die netten Leute wieder, die ich vor einem Jahr auf der ersten Danzigfahrt hier kennenlernte. Wir melden uns erst am nächsten Morgen zur Regatta an, nach einer viel zu kurzen Nacht.

Silver Bell Regatta, Kolberg, 5.7. - 6.7.

Es ist chaotisch. Das Skipperbriefing fand nicht statt. Wo ist wohl die Startlinie? Keine Ahnung. Beim Auslaufen schleppen wir einen mit 10 Mann/Frau besetzten Kutter auf die Ostsee, versuchen es zumindest. In der Hafeneinfahrt steht aus NW eine 1,5 m-Welle, wir bleiben bei Vollgas einfach stehen. Ich bedeute der Kutter-Mannschaft: "Pullen, Pullen", und die legen sich in die Riemen, daß es kracht. Langsam, langsam, immer im Zickzack über die Wellen hoppelt unser Schleppzug zwischen den Molenköpfen vor, und wir können die Schleppleine abwerfen. Ohne Plan von der Regatta machen wir drei Bojen in Linie aus. Weit verteilt segeln die anderen, Wir wissen nur, dass der erste Lauf um 12:15 starten soll. Als es um 12:05 zum dritten mal tutet, sind wir die einzigen, die immer noch irgendwo herumsegeln, nur nicht an der jetzt auch für uns offensichtlichen Startlinie, wo sich plötzlich alles knäuelt. Wir brauchen noch 5 min, um da hinüber zu kommen, und segeln erstmal hinterher. Den zweiten Lauf erwischen wir besser, wir beenden das Rennen als dritte unserer Klasse, d.h. wir treten mit unseren 7,60 m gegen vier 10-m Yachten an. Den dritten Lauf bekommen wir gar nicht mit, der war weder im Programm, noch wurde geflaggt, wir waren schon auf dem Weg zurück in den Hafen, wie drei andere polnische Schiffe auch. Sei‘s drum.

Für den zweiten Regattatag musste ich mir eine Ersatzcrew suchen, denn für Stephen war der erste Regattatag auch gleichzeitig das Ende und die Krönung seines Törns, er musste abreisen. Auf einen jungen Kolberger vom Segelclub Joseph Conrad war Verlass, und er stand um 10:30 an Bord - das nach nur 3 Stunden Schlaf, wie er später gestand. Anfangs konnten wir mithalten, doch der Wind nahm beständig zu, so daß wir zwischen zwei Läufen rasch die Segel verkleinerten: Von der grossen Genua auf die kleinste Fock, ein Reff ins Großsegel, unsere Gegner fuhren immer noch Vollzeug bei Bft 5-6. Das ging alles nicht schnell genug, wir tüddelten noch an den Segeln herum, als die anderen schon wieder starteten. Der Wind nahm noch zu. Nach dem schaukligen Segelwechsel übermannte Karol die Müdigkeit, wenig später hing er über der Reling - dem Schlafmangel zollte er wohl seinen Tribut. Wir brachen den letzten Lauf denn chancenlos vorzeitig ab, auch um Mensch und Material zu schonen. Von Wantenbrüchen, wie auf drei anderen Yachten geschehen, blieben wir verschont. Eine der großen IMS-Yachten krachte beim Einlaufen in das Leitwerk vor der Innenmole, die hatten nur das Großsegel oben, und wurden vom Wind in einer Welle so herumgedreht, daß das Schiff querschlug und das Heck und Ruder zerramschte. Wir liefen zwar heftig schaukelnd, aber sicher, richtungsstabil und schnell unter kleiner Fock und Maschine in den Hafen. Mein armer Steuermann kam an Land schnell wieder auf die Beine, jedoch nur, um dann bald nach Hause ins Bett zu entschwinden.

Für mich stand an diesem Abend noch eine Einladung zu einem "Dinner" mit polnischen Freunden an, welches sich denn bis zum folgenden Sonnenaufgang zu einem lustigen, nicht enden wollenden Gelage entwickelte. Es war stilvoll Flagge zeigen angesagt: Die Prozentzahlen auf den tiefgekühlten Wodka- und Slivovitz-Flaschen steigerten sich gnadenlos Stunde um Stunde. Der folgende Tag fiel daher als Segeltag mangels Kondition aus. Ich verschlief ihn einfach nur, auch die folgende Nacht. Ich musste unbedingt eine günstige Gelegenheit abpassen, um wieder aus Kolberg wegzukommen: Bei halbwegs günstiger Windprognose durfte ich keine meiner neuen Bekannten und Freunde mehr treffen - unweigerlich wäre eine nicht abzuschlagende, wahrscheinlich wieder leberschädliche Einladung erfolgt.

Kolberg - Stettin, 8.7. - 9.7.

Endlich einhand! So gerne ich mit geselliger Crew segle, so sehr genieße ich es, alleine die Leinen und Fender einzuholen, die Segel hochzuziehen, das Gefühl des mit-sich eins-Seins stellt sich dann schon in der Hafenausfahrt ein. Der Hafenkapitän winkt mir zum Abschied zu. Noch Wochen hätte ich im Kurort Kołobrzeg verbringen können, aber die Arbeit ruft bereits kräftig per E-mail und Handy nach mir, und diesem Ruf muß ich Folge leisten. Schweren Herzens, aber voller Segelfreude blicke ich zurück auf einen Ort, der mir bisher wie kein Anderer das Ablegen so vehement zu verhindern wußte. Kolberg wird nur langsam kleiner, ich muss kreuzen. Zwei lange Schläge gegen den gut segelbaren WNW 3-4 bringen mich bis vor den Leuchtturm Niechorze, zwei weitere bis zum kleinen, küstennahen Sperrgebiet bei Dziwenow.


Romantisches Einhand-Nachtkreuzen bei Vollmond vor Wolin

Ich entschließe, nach den aktuellen abendlichen Wetterprognosen bis Swinemünde weiterzusegeln, um das relativ bequem segelbare Westwind-Wetter zu nutzen. Das Nachtsegeln bin ich ja nun schon gewöhnt, mache eine Dose leckeren Bigos auf - ein polnisches Nationalgericht mit Sauerkraut - und bereite alles für die Nachtfahrt vor: Sperrgebiets-Eckpunkte ins GPS, Gefahrentonne vor Wollin ins GPS, paar Brote und löslichen Kaffee bereitet, und weiter geht der Segelspaß. Der Autopilot, den ich kurz nach der Ausfahrt aus Kolberg auf dem Kartentisch auseinandergenommen und inwendig trockenlegt hatte, funktioniert nach neuer Justage auch wieder zufriedenstellend. Der hatte einfach dann und wann eine Wende oder einen Halbkreis gefahren, als ob auch er mich unbedingt wieder nach Kolberg bringen will. Nach dem vierten Mal war ichs leid und hab ihn abgeschaltet. Er war innen nass noch von der gegenan-Etappe Darłowo-Kolberg.

Für wirklich verläßliches "freihand"-Segeln hoch am Wind ohne unwillkürliche Beiliege-Mannöver greife ich auf die luvseits belegte Pinne zurück. Das gibt mir sogar die Zeit, auf dem Vorschiff in der Abendsonne mein Sopransaxophon zu traktieren, ohne dass sich jemandem dabei die Ohren kräuseln, kein Zaungast weit und breit. Etwa zehn Meilen vor Swinemünde hört dann im Dunkeln auch das am-Wind-dümpeln auf, es wird wieder richtig gesegelt: Der Wind nimmt endlich zu. Und die Wenden bestimmt nicht mehr der "Navigator" in mir, sondern die unvermittelten Winddrehungen: Von NW4 auf W5, dann wieder auf WNW5. Der Segler wird gefordert - die große Genua bleibt stehen. Den Wendewinkel kann ich damit auf unter 80° drücken, und im Morgengrauen läuft PAHOA in Swinemünde ein. Gegenüber Kolberg und auch den anderen polnischen Häfen fast ein Kulturschock: Pampige Zöllner, die meine Funkanmeldung nicht annehmen, sondern mich stattdessen mit heftig blendendem Suchscheinwerfer an die zugige Einklarier-Pier zwingen, wahrscheinlich im Schönheitsschlaf gestört, ein Hafenmeister, der zweimal darauf dringt, sofort (noch bevor die Leinen alle fest sind) ins Hafenbüro zum bezahlen zu kommen. Ich gehe erstmal schlafen.

Mittags ist der Hafen leer, im Halbschlaf waren die teils lauthals schimpfend ausgeführten Ablegemannöver der Richtung Ostsee durchreisenden Motor- und Segelyachten zu hören. Nach einem schnellen Frühstück ablegen. Der erste Regenschauer geht noch über Swinemünde nieder, den ersten heftigen Gewitterschauer wettere ich am Ausgang der Kaiserfahrt ab. Es ist fast windstill, aber die Boe eben hat schon dicke Schaumstreifen über das Haff gelegt. Überm Haff, in SE kracht und rummst es immer noch. In NW, überm Greifswalder Bodden türmen sich schon wieder riesige ambossförmige Wolken. Die Segel bleiben unten.

Nach vier Motorstunden dann, in der Odermündung wird das Wetter ruhiger, ein beständiger NW 4-5 hebt an. Unter vollen Segeln gleitet PAHOA vor den abendlich leuchtenden Schilfsäumen oderaufwärts, vorbei an Jasenitz, wo meine Mutter herstammt, vorbei an Pölitz, wo große Industriehalden den Blick auf das Hydrierwerk und den Horizont verdecken, bis Stettin/Gocław, zum kleinen Hafen unterhalb des weithin sichtbaren Bismarck-Denkmals, wo meine diesjährige Seestrecke damit einen würdigen Abschluß findet. Schon mein Urgroßvater ist hier als Schlepperkapitän gefahren.
Die Einhand-Überführung von Stettin nach Brandenburg mit einem eigenhändigen Mastlegen/stellen und fünf Schleusen war in zwei Tagen problemlos absolviert.



Auf der Oder, im Revier meines Urgroßvaters nach über 1000 sm fast wieder zuhause


Fazit

Der Weg ist das Ziel, mein Credo beim Segeln, das Ziel lohnt ggf. den Weg, die Prämisse meiner Frau. Unter diesen unterschiedlichen Ausgangsbedingungen ergab sich wie selbstverständlich unterwegs Klaipeda als Ziel, dann das kurische Haff und Nida mit seiner verzaubernden Mittsommernachtsfeier, zum Crew-Wechsel der einmalige Danziger Segler-Klub auf der Speicherinsel. Später mit Stephen die Silver Bell Regatta in Kolberg als weiterer Höhepunkt. Nachtsegeln wurde beinahe zur "Angewohnheit". Wir haben unsere erste "See-Regatta" gesegelt. Wenn auch mit einem ehrenvollen letzen Platz: Das Schiff hatte danach noch Kiel, Mast und Ruder, Crew vollzählig wieder an Land.

Im Folgenden einige Informationsquellen, die sich für uns als nützlich erwiesen haben:

1. Wetter-Internetseiten:
http://www.meteo.icm.edu.pl
http://www.wetteronline.de
http://www.dwd.de
http://www.strese.com/wetter.html (viele gute Links)
http://www.dradio.de/seewetter

2. Kommandantur des Sperrgebietes 6 zwischen Ustka und Darlowo: 59-8153-900 (Sekretariat), 59-8153-164 (Wachhabender Offizier). Hier auch ausserhalb der offiziellen Passagezeiten die vorzeitige Beendigung von Schießübungen zu erfragen

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