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Königsberg und der Begriff „Heimat“ neu definiert.

- Ein Erfahrungsbericht von Wolfgang J. Castell, Hamburg, 2005 -

Die Yacht "4YOU2" vom SC RHE, reiste im Sommer 2005 nach Königsberg, in die Geburtsstadt des Eigners Wolfgang J. Castell. Der Segelclub RHE ist der älteste Yachtclub Deutschlands und wurde in Königsberg am 7.2.1855 von Ernst Burow gegründet.


Diese wunderschöne Stadt Danzig mit seiner Hafenkulisse verschwand langsam im Dunst und die Konturen des Horizontes vermischten sich mit dem Meer.

Der Wind schickte eine Brise, die das Schiff schneller in die Gewässer meiner Geburtsstadt rauschen ließ. Mit jeder Meile, mit der ich mich dem ersehnten Ziel näherte, spürte ich, wie mein Herz aufgeregter klopfte. In der Ferne nahm die Mole von Pillau Konturen an. Einige Schiffe ankerten auf Reede. Dann pflügte der Bug meiner „4 YOU 2“ , einer 10 Meter Beneteau Oceanis 321, zwischen Rot und Grün in die Einfahrt. Meine feuchten Augen will ich nicht verleugnen, denn diese Mole, rechts und links von mir, wurde einmal, Stein auf Stein, von meinem Urgroßvater errichtet. Wie mag es wohl in seiner Zeit gewesen sein?

Vorbei an einer stillgelegten und vor sich hinrostenden russischen Marine, die ihrer Bedeutung wahrscheinlich nie wieder nachkommen wird, legte ich zur Pass- und Zollkontrolle an. Ein sehr freundlicher Trupp von Beamten bevölkerten das Schiff, besonders eine hübsche Russin, mit Highheels, war sich ihrer Bedeutung sehr bewusst. Reibungslos verlief das Einklarieren, der Lotse kam an Bord, für nur 40 € sollte man ihm eine Chance zum Verdienen nicht verwehren und die Reise ging weiter. Ein Stück Seekanal, dann ins Haff. Dieses Haff wurde schon von den Gründern unseres SC RHE befahren, Generationen segelbegeisterter Mitglieder erlebten hier sportliche und friedvoll-fröhliche Stunden. Wehmut und Respekt vor der Vergangenheit verbreiteten Melancholie in mir.

Mein Schiff teilte die Haffwellen, ich konnte es kaum fassen.

Diese Haff-Unterwasserlandschaft sollte man gut kennen, bevor man sie alleine befährt. Wassertiefen zwischen 2, 3 und selten 4 Meter, sowie einige Unterwasserhügel, erfordern Aufmerksamkeit und genaues steuern. Ich habe mitansehen können, wie eine Yacht mit einem Tiefgang von 1.80, mehrfach Grundberührung hatte und dann resigniert das Haff in Richtung Königsberg Hafen verließ. Schon auf dem Haff wurden wir stürmisch von anderen Seglern begrüßt. Im kleinen Hafen des Königsberger Yachtclubs gab es einen mehr als herzlichen Empfang. Deutsch wird hier besser gesprochen als Englisch. Der Abend belohnte uns mit einem Sonnenuntergang, dessen Farben nicht von dieser Welt waren.

Es wurde an Bord von Igors Yacht gegessen und getrunken und viele Erfahrungen ausgetauscht.

Die Limousine, mit Chauffeur Paul, stand pünktlich am nächsten Tag um 10 Uhr vor meinem Schiff. Helena, eine charmante Russin in Diensten von Schniederreisen, sie studierte in Deutschland, begleitete mich auf die Exkursion in meine Geburtsstadt. Eine schwefelfarbene Dunstglocke hing schwer über der Stadt. Wir befuhren etwas, was wir hier nicht als Straße definieren würden und näherten uns dem Stadtgebiet, was an Hässlichkeit nicht zu überbieten ist. Neben Plattenbauten in marodem Zustand waren verwahrloste Häuser ohne Farbe zu sehen. An Trostlosigkeit nicht zu überbieten. Rollstuhlfahrer scheint es hier nicht zu geben, denn die Bürgersteige wären für sie nicht befahrbar. Dann stand ich an der Stelle, wo sich einst das elterliche Haus befand. Heute wachsen hier Bäume und nur die Straße, die früher Unterhaberberg hieß, trennte alles vom Pregel.

So, wie auch die Ostsee vor Pillau und das Haff, war das Wasser von schmutzig, bräunlicher Färbung. Nur das Brückenhäuschen der ehemaligen Pregelbrücke stand noch und trotzte rissig der ungewissen Zukunft. Das Haus meiner Großeltern im Vorort Speichersdorf war nicht widererkennbar, auch hier war alles verkommen und verwahrlost.

Ist das meine Heimat? Kann das überhaupt noch meine Heimat sein? Nein, meine Heimat kann nur das sein, was ich auch in meinem Herzen verankern kann. Heimat ist dort, wo ich Spuren hinterlassen habe. Meine Kinder und Enkelkinder sind in Hamburg geboren – meine Heimat ist Hamburg. Ich weiß jetzt, dass ich Heimweh nach Hamburg habe.

Der Markt in der Stadtmitte bot eine reichhaltige Auswahl an Obst und Gemüse, konnte aber über den bestialischen Gestank der Fischabteilung, nicht anregend genug sein, etwas zu kaufen, alles war nicht gerade appetitlich.

Meine Deprimierung war auch dem Fahrer und Helena nicht entgangen und man bemühte sich freundlichst mir jetzt den Dom zu zeigen. Ein Schmuckstück in einer maroden Stadt. Die alte Börse hat es auch überlebt und einige wenige Häuser, um die man sich jetzt, nach besserer Erkenntnis, entsprechend bemüht. Trotz aller Freundlichkeit der wirklich liebenswürdigen Menschen, ist die Armut und die Verkommenheit nicht zu übersehen. Zusätzlich gibt es noch ein ganz großes Problem und das ist der Alkohol. So, wie in anderen Ländern Bauarbeiter mit der Bierflasche in der Hand, so sieht man hier sehr viele mit der Wodka -flasche. Das Straßenbild ist lebhaft, aber das unverkennbare, postkommunistische Odeur legt sich einem auf die Lungen, einfacher gesagt, es stinkt hier wie zu besten DDR Zeiten. Warum das so ist, habe ich nie erfahren können.

Sehr einfühlsam schlugen meine Begleiter mir vor, dass wir nach Rauschen fahren könnten. Der Weg dorthin war eine Landstraße im passablem Zustand. Wo sind die wogenden Kornfelder, von denen meine Eltern zu berichten wussten? Ostpreußen war die Kornkammer Deutschlands. Wo sind die saftigen Wiesen mit den glücklichen Kühen? Mein Fahrer Paul wusste die erschreckende Antwort:

„ Wir kaufen doch alles vom Ausland viel billiger, Landwirtschaft lohnt sich nicht für Russland!“ Durch unsere Preisgarantie bei den Bauern erwirtschaften wir Überproduktionen, diese gehen weit unter dem Weltmarktpreisniveau an die Russen. Damit zerstören wir dort einen beträchtlichen Teil der Volkswirtschaft. Landwirtschaft benötigt Arbeitskräfte, die es nun nicht mehr gibt! Das traurige Ergebnis bei mangelnder Landschaftspflege ist weithin sichtbar, Büffelgras und Versteppung.

Rauschen, dieses einstmals so berühmte wie beliebte Seebad, ist nicht so heruntergekommen wie Königsberg, die Erklärung ist recht einfach, hier geben sich im Sommer die Reichen aus Moskau ihr Stelldichein. Alles ist in einem sehr guten Zustand und die Ostseewellen mit ihren langen, weißen Schaumkronen sind noch genauso wie zu Urzeiten.

Der Ausflug war am Nachmittag beendet und meine Illusion und Sentimentalität für meine Geburtsstadt auch. Ich dachte an das liebevoll restaurierte Danzig und an mein Heimweh nach Hamburg. Am liebsten wäre ich noch zur selben Stunde aufgebrochen, aber die Winde sollten erst am folgenden Tag günstig für uns wehen.

Warum vermeide ich eigentlich von „Kaliningrad“ zu reden? Ich habe den Namen und die Historie eingehend geprüft. Das Ergebnis war erschütternd, Kalinin war die rechte Hand von Stalin, er war Ministerpräsident und unterzeichnete die Liquidierung von 28 000 Polen bei Katyn! Er war es, der den Gulag einführte und hunderttausende seiner Landsleute dort umbrachte. Kalinin war ein Verbrecher an der Menschheit und dem russischen Volk, wie Hitler und Stalin! Ich weigere mich heute den Namen in Verbindung mit einer Stadt zu nennen. Man bedenke, Stalingrad heißt heute Wolgograd und Leningrad nennt sich St. Petersburg. Wer darüber hinwegsieht macht sich nachträglich mitschuldig! So wenig, wie ich aus der Vergangenheit eine Kollektivschuld fühle, umso mehr fühle ich eine Kollektivverantwortung und diese sind wir unseren russischen Freunden schuldig.

Diese freundlichen Menschen dürfen wir nicht im Stich lassen. Sie sind auf unsere Hilfe angewiesen, um ihnen eine menschenwürdige Zukunft zu ermöglichen. Wir müssen dem Poststalinismus energisch entgegentreten. Julius Rupp, Philosoph und Theologe von 1809 – 1884, dessen Denkmal neben dem Königsberger Dom steht prägte den in Stein gehauenen Satz: „Wer nach der Wahrheit, die er bekennt,

nicht lebt, ist der gefährlichste Feind der Wahrheit selbst!“

Auch jetzt noch erhebe ich gern mein Glas auf die deutsch–russische Freundschaft um mit denen anzustoßen, die sich für die freiheitlichen, demokratischen Grundwerte einsetzen und sich dazu offen bekennen.


Wolfgang J. Castell

castell@biocastell.de

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