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Kolberg - Gotland und zurück in 8 Tagen
555 sm sportlich-sparsames Fahrtensegeln deutsch-polnisch, Törn vom 4.7. bis 12.7. 2006

Jörn Heinrich, Juli 2006

Der Autor unterm Spi an seinem "Arbeitsplatz", erwischt beim Filmen (Foto: Mariusz Marzewski)

8 Fahrttage - 555 sm (449 unter Segeln, 106 unter Motor bzw. Motor und Groß)
Motoranteil: 19 %
Nachtfahrten: 4
Durchschnittsetmal: 70 sm
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4,6 kn
(Theor. Rumpfgeschwindigkeit: 5,5 kn)

Größte Windstärke: Bft 7 (Boen 19 m/s)
Häufigste Windstärke: um Bft 3
Amwindkurse: 65%
Halbwindkurse: 12%
Vorwind/Raumschotkurse: 8%
Windstille bzw. nicht segelbarer Schwachwind: 15%

Manöversprache: Englisch, Polnisch, Handzeichenvereinbarungen, Törnübersicht:



Idee

Die Idee, von Kolberg/Polen aus nach Gotland zu segeln, entstammt einem alten Wunschtraum meines polnischen Segelkameraden Mariusz Marzewski/Kolberg. Er will diese schwedische Insel seit er segelt, einmal besuchen. Da meine Yacht ohnehin derzeit in Kolberg liegt, war es für mich dieses Frühjahr naheliegend, das Schiff dem Jacht Klub Morski Joseph Konrad Kolobrzeg (JKMJC) für Vereinstouren zur Verfügung zu stellen. Damit hoffe ich auch, diesem polnischen Segelverein etwas von dem zurückzugeben, was ich hier in den vergangenen Jahren Polen-Segelns erhalten habe: Nicht nur war die Gastfreundlichkeit von Mitgliedern des JKMJC bei meinem ersten Danzig-Törn im Jahr 2002 mit dafür ausschlaggebend, dass ich in der Lage war, so darüber zu schreiben, dass die Reise mit dem Sonderpreis Binnen-Küste der Kreuzer-Abteilung des DSV ausgezeichnet wurde. Darüberhinaus standen Mitglieder dieses Vereins bei den darauf folgenden ausgedehnten Recherchetörns zur Erstellung meiner beiden Küstenhandbücher Polen und Litauen sowie Baltikum und Finnland Südküste (beide Edition Maritim) mit Rat und tatkräftiger Hand zur Seite.
Die Möglichkeiten zum Fahrtensegeln sind für den JKMJC äußerst beschränkt, es gibt hier nur eine kleine Regattayacht, zwei offene Segelboote der Kutterklasse (DZ) und zwei Optis für die Jüngsten. Diese Bedingungen stehen konträr zum Interesse am Fahrtensegeln im JKMJC, der nicht nur eine Städtepartnerschaft zwischen Barth und Kolberg initiiert hat, sondern darüberhinaus alljährlich am ersten Juli-Wochenende die Silver Bell Regatta dreisprachig (polnisch, deutsch, englisch) organisiert.An dieser nehmen IMS-vermessene Yachten auch Fahrtenschiffe in zwei offenen Klassen teil. In diesem Jahr feiert der JKMJC sein 50-jähriges Jubiläum, ein weiterer Anlaß, 2006 ein Ziel anzusteuern, welches von einem JKMJC-Vereinsschiff bisher nicht erreicht werden konnte.


Vorbereitung und Ausstattung

Meine kleine Segelyacht PAHOA, eine Jeanneau Sangria BJ 1971, Lüa 7,6 m wurde einen Tag vor dem auf 14 Tage geplanten Vereinstörn mit allem ausgestattet, was es in Polen günstiger zu kaufen gibt, als in Schweden und Dänemark: Lebensmittel, Diesel, Bier. Ziel des Törns war auch, so sparsam wie möglich zu segeln, bedingt durch die beschränkte finanzielle Ausstattung aller Teilnehmer.
Kartenmaterial: BSH D3021, 144, 145, 143, 167, S-82, DK Mecklenburg-Vorpommern, DK-Seeland, S-Sportbootkarten F(Sydostkusten), C(Ostkusten). Einzig für den Nordteil von Gotland hatten wir keine Karte mit, dieses Manko hofften wir durch einen Kauf in Schweden auszugleichen.
Wetterinformationen holen wir über einen Weltempfänger und das isolierte Achterstag ein. Die Sendezeitentabelle der Kreuzer-Abteilung des DSV liefert dazu den Überblick. Im Nachhinein allerdings waren die Windinformationen vom polnischen Wetterdienst, die uns die kolberger Vereinskollegen per SMS aufs Handy übermittelten, weitaus akkurater als die DWD-Vorhersagen, aufgrund derer wir östlich Öland nachts in schweres Wetter gerieten.
Äußerst hilfreich war das vierte Crew-Mitglied: Mr. Green, meine im Frühjahr selbstgebaute Servo-Windselbststeuerungsanlage, basierend auf Plänen des leider im April verstorbenen US-Amerikanischen Ingenieurs Walt Murray (siehe auch www.windautopilot.de). Diese Sperrholzanlage hat jetzt bereits rund 1000 Ostseemeilen klaglos weggesteckt, und hielt sogar noch unter Spinnaker bei nur 2,5 kn Fahrt das Schiff sicher auf Kurs. Nur mit Hilfe von Mr. Green konnten wir die sportlichen Etmale mit dem kleinen Schiff konditionssparend und damit sicher segeln.


Kolberg-Gotland in 46 Stunden

"Nach Gotland und zurück in 14 Tagen: UNMÖGLICH! Da braucht man mindestens vier Wochen dazu." So die einhellige Meinung der erfahrenen Segler vom Kolberger Yachtclub. Meine 14-Tage-Planung für den Törn wurde stark in Frage gestellt. Ich wollte das kleine Schiff nicht überbesetzen, und limitierte daher die Besatzung auf 3, maximal zulässig wären vier, mit entsprechenden Einbußen an Stauraum, Bunkermöglichkeiten etc. Für das theoretisch mögliche vierte Crewmitglied kamen an Bord:

Gitarre, Mundharmonikas und Saxophon. Da ein erfahrener Kolberger Segler in letzter Minute aus Zeitgründen absprang, gab es die Gelegenheit für Mattheusz Kowalczek, 16 Jahre, als Segel-Student erste Langstrecken-See-Erfahrungen zu sammeln. Das Bindeglied der dreier-Besatzung ist mein Freund und Segelkamerad Mariusz Marzewski, Segel- und Englischlehrer (27), mit dem ich die schwedische Ostküste und andere Törns gesegelt bin.

Mariusz Marzewski hat Wache auf dem Weg zu seinem Segel-"Traumziel" : Gotland

Der Kitt, der mich mit Mariusz verbindet, ist segelnderweise ein beinahe blindes Verständnis bei Manövern: Ein Blick, ein Nicken reichen, um sich über ein Reff zu verständigen. Unser ähnlich ausgeprägtes Sicherheitsbewußtsein läßt uns alle Entscheidungen nach gemeinsamer Abwägung aller Optionen einvernehmlich treffen. Es ist kaum zu definieren, wer eigentlich der Skipper ist. Solch kooperativ-demokratischer Stil ist auf polnischen Yachten ungewöhnlich, da gibt es auch bei kleiner Crew streng hierarchische Kommandostrukturen mit Kapitän, erstem Offizier, zweitem Offizier und Crew. Wir jedoch entscheiden jeweils nach den Argumenten mit dem größten Sicherheitsaspekt, mal führt der eine dabei, mal der Andere. Das hat den enormen Vorteil, dass jeder von uns stetig dazulernt, aus der Unsicherheit des Einzelnen eine Stärke erwächst, Fehlentscheidungen weitgehend vermieden werden. Jemanden wie ihn an Bord, und man kann geruhsam unter Deck als Eigner seine Freiwache verschlafen: Wenn irgendetwas riskant für einen Mann alleine scheint, werde ich von ihm geweckt.

Wir legen ab am 4.8.2006 um 11:00: Funkkontakt mit Border Guard Kolobrzeg: "Next Port: Visby, Gotlandia, Szwecja". Dass diese Angabe des Zielhafens, eher als Scherz gedacht, sich dann beinahe bewahrheiten sollte, haben wir zu diesem Zeitpunkt selber nicht geglaubt. Ausklarieren. Der Port Controler am Fuß der Ostmole winkt uns bei der Ausfahrt zu. Der NE 2-3 bei Glattwasser liefert ideale Bedingungen, um unseren Segel-Studenten ein paar Stunden unter Genua und Groß auf Amwind-Kurs zu trainieren: Möglichst schnell, bei größtmöglicher Höhe am Wind, Kurs dabei Nebensache. Wir wollen einfach segeln, wo uns der Wind hinläßt: Vielleicht Bornholm, vielleicht Rügen, vielleicht Südschweden. Doch gegen Abend stehen wir bereits 20 sm ESE-lich von Bornholm, der Wind hat langsam auf einen E 3 gedreht. Wir übergeben Mr. Green das Ruder. Da der DWD-Wetterbericht um 21:00 auch im Trend keinerlei Anlaß gibt, nach Bornholm abzulaufen, bleiben wir auf Kurs Südspitze von Öland.

Sonnenuntergang mitten auf der Ostsee, der Wetterbericht verspricht eine ruhige Nacht.

Wacheinteilung: flexibel. Einer von uns beiden, Mariusz oder ich, haben jeweils eine halbe Stunde, um Schlaf zu finden. Wenn das gelingt, hat der Eingeschlafene solange Ruhe, bis er von selber aufwacht und sich ausgeruht fühlt, oder der andere zu müde wird zum Wachen. Dabei pendelt sich in der Folge ein ganz natürlicher Schlafrythmus von zunächst 2, später bis zu 5 Stunden ein. Unser Segel-Student Mattheusz darf schlafen, wann es ihm beliebt. Er hat alleine nur Tags Wache, mit den strikten Orders:
Permanent angeleint, auch im Cockpit. Kein Schritt aus dem Cockpit, Verrichtung der Notdurft ausschließlich auf der Toilette unter Deck. Bei einem Vorkommnis wie: Sichtung und Näherung eines Frachtschiffes, Änderung des durch die WSA gesteuerten Kurses um +/-20°, Windzunahme mit Krängungswinkel über 20°, Annäherung einer großen Wolke: Sofortiges Wecken des jeweiligen Standby-Mannes (Mariusz oder mich).
Diese Orders hält er pennibel ein, was Mariusz und mir hilft, küstenfern unter guten Bedingungen unser Schlafbedürfnis auch tagsüber zu stillen.


Gotland-blues am Tag 2 auf See, Kurs NNE. Gitarre: Mattheusz Kowalczek, (16), Harmonika: J. Heinrich (44), Steuermann: Mr. Green (Foto: M. Marzewski)

Das VTG Öland Süd erreichen wir am nächsten Vormittag, queren dicht dabei die dicht befahrenen Großschifffahrtsfahrwasser unter Maschine bei achterlichem SE-Wind und setzen unseren Amwind-Kurs bei bis zu 5 Bft auf die Südspitze von Gotland fort, zu allen Sendezeiten neueste Wetterberichte aufnehmend. Die zweite Nacht auf See zwischen Öland und Gotland erfordert nur ein einziges Ausweichmannöver wegen einem großen Frachter, der sich nicht an die KVR hält. Doch davon bekomme ich nichts mit. Mariusz hat die Situation im Griff.


Staunend stehen Mariusz und Mattheusz vor dem Schiff auf der Pier von Burgswik / Gotland: Kolberg-Gotland 212 sm in 46 Stunden nonstop, schließlich relaxt im leeren Hafen angelegt mit einem motorlosen Aufschießer unter Groß.

Die für diese Schiffs- und Crewgröße beinahe dreist zu nennende Angabe des Ziels Visby/Gotland zur Ausklarierung in Kolberg bewahrheitet sich, zumindest was die Insel angeht. Wir machen nach genau 46 Stunden unter Segeln in Burgsvik, Gotland fest, die Ansteuerung nach Richtmarken wieder ein Training für unseren ausgeruhten Segel-Studenten. Der Aufschießer unter Groß dicht entlang der Hecktonne zur holzarmierten Pier klappt perfekt, im Hafen liegt nur ein weiteres Boot.
Der Hafenmeister hängt dösend in seinem Liegestuhl vorm Büro in der Sonne. Ich frage ihn nach Einklarierung. Wir kommen direkt aus Polen. Er grinst und meint trocken: "Erstmal glaubt euch das sowieso keiner, und zweitens gibts hier keinen Zoll. Hattet Ihr denn gutes Wetter?"

Ausgelassen juchzend jumpen wir ins klare, warme Wasser des idyllischen Hafens, danach wird gefuttert, gefeiert und gesungen wie auf polnischen Seglern üblich - auch wenn die deutsche Flagge am Heck weht.


Die skandinavische Sonne versinkt langsam am dunstigen Horizont der Burgsvik.


Still, noch immer unter den Eindrücken der vergangenen nonstop-Segeltage genießt die Crew auf der Mole von Burgsvik das Schauspiel des Sonnenuntergangs.


Burgswik-Visby 7.7.2006

Der nette Hafenmeister von Burgswik akzeptierte Euro, jedoch verneint er die Frage nach einer käuflichen Seekarte bis Visby. Wir wollen gerne die alte Hansestadt als Törn-Highlight besuchen. Er beruhigt uns:
"Ihr segelt einfach zwischen Stora und Lille Karlsö, den beiden kleinen Inseln westlich Gotland durch, und dann mit 2 sm Abstand von der Küste bis Visby."
Bis Stora/Lille Karlsö reicht unsere BSH D167. Das wäre dann meine allererste Tour ohne Seekarte für das Wasser unterm Kiel. Alles sträubt sich mir dagegen, so helfe ich mir aus: Eine Gotland-Karte für Touristen wird kurzerhand mit WGS-Gitternetz versehen, und anhand der beim Hafenmeister einsehbaren schwedischen Seekarte die W-Kardinaltonnen bis Visby längs der Küste dort eingetragen, zwei WGS-Wegpunkte der Seekarte entnommen.


...unter Spi zwischen den kleinen Inseln westlich Gotlands, Storae und Lille Karlsoe, alle dösen im Schatten, es steuert Mr Green


Lille Karlsoe, ein eindrucksvolles Kalkplateau mit großen Höhlen, Naturschutzgebiet. (Foto : M. Marzewski)

Mit diesem Zettel auf dem Navi-Tisch segeln wir an einem traumhaft karibischen Tag unter Spinnaker die Westküste Gotlands nach Norden, zunächst zwischen den hohen Plateaus der beiden kleinen Inseln durch, dann am steilen Kliff der Nordwestküste bis Visby. Das im Hafenhandbuch des DSV noch angegebene Schießgebiet ("...zur Sicherheit 2 sm Abstand von der Kuste halten...") südöstlich Visbys existiert seit langem nicht mehr, wie uns der Hafenmeister in Burgswik mitteilte: "Nein, dort sind die Grundstückspreise mittlerweile enorm gestiegen, weil man von den Kliffs einen so schönen Ausblick hat".
Das Wasser ist gelb von blühenden Algen, doch das hält uns unterwegs nicht von einem erfrischenden Bad an der Sicherheitsleine ab.

Skipper im algengelben Wasser braucht Erfrischung. (Foto : M. Marzewski)

Wir machen Nachmittags im Innenhafen von Visby fest, zwischen finnischen, schwedischen und deutschen Yachten. Die meisten sind doppelt so lang wie unser Boot.


Am Törn-Ziel: Stadthafen Visby! Zur Feier des Tages ein zünftig-polnischer Anleger: Eine kleine Buddel Wodka wird zu dritt geleert, Neptun, Mr.Green und PAHOA bekommen davon auch ihren Teil.


Stadthafen Visby (Foto: M. Marzewski)

Die Zeit reicht für einen ausgedehnten Stadtbummel, eindrucksvoll glühen die Rosensträucher in der Abendsonne vor den bunten Häusern der alten, nie zerstörten Hansestadt mit vollständig erhaltener Stadtmauer. Wir lassen uns vom hanseatisch-skandinavischen Flair einfangen. Bilder der alten Hansestadt:





Eine Hafenvorschrift: Ruhe ab 23:00, sowie die schlafenden Kinder auf dem Nachbarschiff eines freundlichen Schweden halten uns von abendlichen Shanties zu Gitarre und Mundharmonika ab. Dafür gibt es jedoch laute live-Musik von einem Restaurantschiff für alle im Hafen bis etwa Mitternacht.


Visby - Böda 8.7.2006

Weil meine beiden Mitsegler weit nach mir in die Koje kamen, bemerken sie nicht, wie ich heimlich, still und leise, ausgeruht und katerfrei um 05:00 die Leinen loswerfe. Das Starten des Diesels bewegte nur Mariusz, sich einmal in der Koje umzudrehen um danach weiterzuschnarchen. Wir trafen gestern Abend spät noch einhellig eine scherzhafte Übereinkunft:

Wer um 05:00 nicht wieder an Bord ist, muss die Fähre nehmen. Auch wegen der für uns recht hohen Hafengebühren wollten wir keine zweite Nacht hier bleiben.

Die beiden fanden anscheinend, während ich auf der Jagd nach Mitbringseln eine Nachbildung eines alten Wikingerschmucks aus Silber mit einem Türkis erstand, auf ihrem Stadtbummel netten Kontakt zu so charmanten Gotländerinnen, dass sie beide spät abends unbedingt nochmal loswollten, während ich die Koje und den Rückweg im Auge hatte. Über die genauen Einzelheiten Ihrer Erlebnisse habe ich nur wenig erfahren, jedoch waren sie über den Tag beide recht melancholisch-einsilbig, und versicherten einhellig, dass sie, sobald wie möglich nach Visby zurückkehren wollten. Und etwas schwedisch lernen.


Die Silhouette von Visby am frühen Morgen: Bye-bye, Gotland...

Eine gewittrige Kaltfront war angekündigt für die Zentrale Ostsee, bei schwachwindigem Wetter. Die Luft ist morgens bereits schwül und dampfig, es wird wolkig, wir steuern die nächstgelegene Küste an: Nordspitze von Öland. Von Gewittern bleiben wir verschont, es fallen ein paar Tropfen Regen und es wird kühler. Konstanter Barometerstand. Immer noch nahezu windstill. So kann eine Kaltfront also auch aussehen. Da wir aufgrund des unklaren Wetterverlaufs nicht sicher sind, ob da noch etwas Dickes nachkommt, entscheiden wir, die Nacht in Böda, an der Nordostspitze Ölands zu verbringen. Die alternative Option, in den Kalmarsund zu laufen, verwerfen wir, da der Trend eine S-Drehung des Windes prognostiziert, und dann im schmalen Sund mit seinem starken Strom und kurzem, steilen Seegang kaum gegenan zu kreuzen ist.


Böda-Bläsinge 9.7.2006

Wieder den richtigen Riecher gehabt! Der S-SW, gegen den Anfangs noch gute Höhe zu laufen ist, frischt am Nachmittag auf sonnige Bft 6 auf. Im Kalmarsund wären wir unter diesen Bedingungen weder unter Segeln noch unter der kleinen Maschine weitergekommen. Die Erfahrung, dass die "afternoon breeze" der tagsüber angekurbelten Drucksysteme gegen Abend wieder abflaut, bestätigt sich auch hier, und der Wind läßt auf die vom DWD für heute angekündigten S Bft 3-4 nach. Bereits 50 sm über Grund im Kielwasser seit heute morgen, scheint Öland endlos lang, noch immer kreuzen wir abwechselnd 10 Seemeilen raus und wieder unter Kuste, wir laufen dabei 2,6 kn aufs Ziel Kolberg gerechnet. Bis dahin sind es noch 220 Meilen. Der Wetterbericht vom DWD um 21:00 bringt einen kleinen Schock in der Abendstunde: Starkwind und Sturmwarnung für alle Seegebiete. Zentrale Ostsee zunehmend auf SW-W 5-6. Eine Kaltfront für den morgigen Tag aus SW. Kein Wetter, um sich nachts schlaflos mürbe zu kreuzen! Doch wohin jetzt? Yachthäfen an der Ostküste Ölands: Fehlanzeige. Also Bläsinge anlaufen, einen kleinen Fischerhafen in 8 sm Entfernung. Unter langsamster Fahrt steuern wir gegen Mitternacht die nur 20 m breite Fahrrinne in den verschlammten, kleinen Hafen, Mariusz steht am Vorstag, und zeigt im beleuchteten Hafenbecken, wo ich langmuss, um den Weg an die Pier zu finden, wir bleiben bis dort ein paarmal im Hafenschlick stehen.

Ein alter Opel vor einer Fischerhütte in Bläsinge /Öland



Bläsinge-Kolberg 10.7. - 12.7.2006

Ausschlafen: Der SSW heult im Rigg. Ein Taucherboot kommt kurz nach dem Auslaufen wieder in den Hafen: Seen bis 3,5 m, bis 20 m/s Wind, zuviel für das 18 m lange Motorschiff. Wir freuen uns, dass wir gestern dem ruhiger werdenen Abendwetter nicht auf den Leim gegangen sind. Um 1100 spricht der DWD von einem SW 4-5 in der Zentralen Ostsee, in der Südlichen von SW 3-4 bis 24:00, danach abflauend auf W3 mit Westdrehung. Wir messen im Hafen ablandig Spitzenboen bis 18 m/s bei Mittelwind um 12 m/s. Das sind nach Tabelle Bft 6, Boen bis 8.


Boen bis 8 nachmittags in Blaesinge abwettern (Foto: M. Marzewski)

Die Taucher, mit schwedischem Wetterbericht ausgestattet, kommen zum zweiten mal vorzeitig wieder rein. Draussen ist Sturm. Das noch um 15:00. Danach beruhigt sich das Wetter langsam, und wir laufen um 18:30 aus. Wir keuzen mit großzügigem Winkel über die hohen, langen Seen, der Wind dreht langsam auf SW Bft 4-5 und erlaubt uns günstige Schläge. Als wir Abends 10 sm E-lich der Südspitze Ölands stehen, eine unangenehme Überaschung: Windzunahme innerhalb von 20 min von SW 5 auf SW 7. Groß ins 2te Reff, meine steife 14 qm-Amwind-Fock aus 320er-"Segelkarton" lasse ich stehen.
Die Bft 7 pfeifen über Stunden durchs Rigg, bauen meterhohe Seen auf und machen die sichere Navigation zwischen den Frachtschiffen beim VTG Öland etwas kompliziert. In solchen Stunden verflucht man auf einem kleinen Schiff dann zuweilen den deutschen Wetterdienst, der offensichtlich trotz modernster Computertechnik nicht in der Lage ist, sicherheitsrelevante Informationen in der ausreichenden Genauigkeit zur Verfügung zu stellen. Zwischen Wind SW 4-5, prognostizierter Abnahme nach Mitternacht auf W3 und gemessenen SW 7 besteht schon ein drastischer Unterschied. Und ob der Wind dann noch zunimmt, und wie lange der Spuk andauern wird, ist in solcher Situation an Bord völlig unklar. Da zeitweise wieder in SMS-Reichweite von Öland, holen wir uns über einen Kolberger Seglerkollegen für unser Seegebiet eine polnische Internet-Windprognose. ICM bestätigt für Mitternacht.ein kleinräumiges Starkwindfeld (15 m/s) von der mittleren Hanö-Bucht bis ca 30 sm E-lich Süd-Öland, Nord-Süd-Ausdehnung um 40 sm, langsam ENE-wandernd. Mit dieser Information ausgestattet halten wir möglichst Südkurs, und können nach weiteren 2 Stunden langsam ausreffen.


Die verzurrte Genua will sich selbständig machen, die Seen schießen immer wieder übers Vorschiff bei überraschender Windzunahme SE-lich Oelands. Vor der Nacht muss alles starkwindfest sein... (Foto: M. Marzewski)

Der Morgen kommt, das VTG Öland Süd liegt hinter uns, ICM versprach für die Südliche Ostsee eine Drehung auf SE, der DWD spricht von Westdrehung. Alles um Bft 3. Wir finden auf S-Kurs mit SW 3-4 Bft Mittags ein Seegebiet mit langsam SE-lich drehendem Wind, knapp S-lich eines schmalen, endlos scheinenden Streifens mit mittelhoher, flacher Bewölkung am sonst klaren Himmel. Dieses Wolkenband erstreckt sich genau auf dem Kurs, den wir hoch am Wind Richtung SSW auf dem Steuerbordbug anlegen können und scheint ortsfest zu liegen.
Wir nutzen dieses Geschenk des Himmels und segeln meilenweit mit guter Geschwindigkeit darunter fast genau Kurs Kolberg. Der Abend kommt, und wir feiern den Geburtstag von Mariusz, den er schon immer vorhatte, einmal auf See zu verbringen. Jeder ein halbes Bier.


Die Morgensonne spiegelt sich auf dem Kompass, Kurs Kolberg liegt beinahe an, es sind nur noch 150 sm (Foto: M. Marzewski)

DWD Abend-Wetterbericht: Aufkommende Gewitter, Kaltfront nachts bei der Odermündung, danach W-NW-drehend, Bft 4-5. Je weiter wir nach SSW vorankommen, umso schwüler wird es, diesig, es zieht sich zu, das Tageslicht schwindet. Wieder haben wir Glück. Nachdem wir bei Windstille für ein paar Stunden den Motor laufen lassen müssen, fängt es gegen drei Uhr hinter uns an, am Himmel zu flimmern, ebenso links und rechts. Entferntes Grummeln begleitet uns. Vor uns jedoch ist der tiefstehende Mond sichtbar, wir fahren in einem wolkenlosen Streifen auf den Vollmond zu. Gegen 4 Uhr wird die Luft dann kühler und frischer, es kommt ein W auf, der innerhalb von 10 min auf Bft 6 zunimmt. Es sind sicherlich die Gewitter E-lich von uns, die diese Luft ansaugen, das Windfeld ist anscheinend sehr kleinräumig, denn das Wasser ist fast glatt. Das Schiff schießt schäumend auf Halbwindkurs unter zweifach gerefftem Groß und Fock Richtung Kolberg, selten unter Rumpfgeschwindigkeit. Der Wind nimmt dann langsam ab, die Welle zu, sie erreicht 25 sm vor unserem Zielhafen die für die Südliche Ostsee normalen Verhältnisse: bei NW Bft 5-6 See 0,5 bis 1,5 m.

Dass wir uns, wahrscheinlich dicht unter Öland gegen Bft 7 kreuzend, einen Ruderschaden eingehandelt haben, bemerke ich, als ich die WSA ausklinke: das Ruder wabbelt als ob das untere Lager um einige cm ausgeschlagen ist. Schreck in der Morgenstunde! Falls der Lager-Beschlag unten am Skeg weg ist, dann geht jede seitliche Belastung mit dem gesamten Hebel auf den Ruderschaft. Und der bricht zwangsläufig irgendwann ab... Eine Horrorvorstellung bei auflandigen Bft 5.

Sofort berge ich das Großsegel, und laufe nur unter Fock mit langsamster Geschwindigkeit auf Kolberg zu. Ich lasse das Schiff beinahe treiben, halte die Pinne mit zwei spitzen Fingern dicht am Koker, und nur, wenn kein Gegendruck spürbar ist, in den Wellentälern, wird der Kurs korrigiert. Nach 3 Stunden wecke ich Mariusz, berichte von der veränderten Situation, und bitte ihn, so weiterzusteuern... Ich muss schlafen.

Noch 3 Meilen bis zur Hafeneinfahrt. Zwei Stunden Schlaf hatte ich, die Situation ist unverändert, das Schiff noch steuerbar. Bug-Anker ist klar zum fallen, maximale Kette, maximale Leine angesteckt. Wir starten die Maschine. Zwischen den Molen noch zwei letzte große achterliche Wellen durchlaufen lassen, aufatmen, wir sind drin.

Am Zoll müssen wir der netten blonden Grenzschutz-Offizierin zweimal den letzten Hafen buchstabieren: Bläsinge, Schweden. Auch sie hat ihr gutes Englisch bei Mariusz gelernt, wie zahlreiche andere Grenzschützer Kolbergs.


Welcome Home, Sailors!

Als wir um 10:45 dann, 555 sm im Kielwasser, im dreiviertel-vollen Yachthafen Kolberg an der Pier längsseits gehen, scheucht uns der Betreiber in unfreundlichster Weise weg in den hintersten, unbequemsten Winkel, den man nur nach Verholen eines großen Motorschiffs erreichen oder verlassen kann. Was für ein herzliches Willkommen im Heimathafen nach 550 sm in 8 Tagen auf einem 7,6 m-Schiff. Der Betreiber ist für alle zahlenden Gastlieger ein freundlicher, umgänglicher Mann, der englisch und deutsch spricht, jedoch die enthusiastischen Segler vom JKMJC haben es nicht leicht mit ihm. Obwohl ihm die vom JKMJC organisierten Veranstaltungen wie Silver Bell Regatta, Shanty Festival und andere alljährlich viel Geld in die Taschen spülen. In der Zeit, in der ich sein Charterunternehmen in meinem Küstenhandbuch Polen und Litauen aufnahm, kannte auch ich ihn nur als zahlender Gast: Von außen, Fassadenansicht.


Wieder zurück im Heimathafen Kolobrzeg/Polen: Drei Seglerfäuste habens gemeinsam angepackt: Vereinshistorische Rekordfahrt, Kolberg-Gotland und zurück in 8 Tagen (v.l n.r: Matteusz Kowalczek, Mariusz Marzewski, Joern Heinrich)

Seis drum. Wir liegen uns in den Armen, die georderte Riesenpizza kommt flugs in unsere hinterste Liege-Ecke bis zum Schiff gerollt, und wir feiern die glückliche, rekordverdächtige und gleichzeitig Vereins-historische Heimkunft. Die wohlverdienten, letzten beiden Bier pro Mann, aufgespart seit 3 Tagen, haben nach 555 sm quer über die Ostsee einen ganz speziellen Geschmack. Der Kassensturz ergibt aufgrund der kurzen Reisedauer gut gefüllte Kühlschränke der Teilnehmer, und Kosten von nur 55 Euro für jeden. Der Ruderschaden wird im kommenden Winter gemeinsam aus Vereinsmitteln und in Eigenarbeit behoben werden.


Fazit

Wir haben sowenig wie möglich falsch gemacht. Auch Fahrtensegeln kann recht sportlich sein. Ungenaue Wetterberichte sind gefährlich, aber leider die Regel. Wer sich mit einem Kleinkreuzer küstenfern tagelang auf See begibt, muss sich, aber vor allem seinem Schiff vertrauen können. Freundschaften, die auf einem anstrengenden, sportlichen und teilweise schwierigen Törn entstanden, sind dazu geeignet, schweres Wetter zu übedauern. Und für unseren Segel-Studenten, der sich als absolut seefest und verläßliches Crew-Mitglied entpuppte, war der Törn eines der großartigsten Erlebnisse seines noch jungen Seglerlebens. Er ist nun vollends infiziert.

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