Technik Kontakt Home Galerie Reiseberichte

Ostsee, die 'kleine' Runde in drei Monaten
Teil 1: Brandenburg - Riga

Segelreise durch Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden und Dänemark (Bornholm)
54 Fahrttage, 2356 sm, Reisedauer vom 10.5.2005 bis 19.8.2005
Jörn Heinrich, 2005 -


Weiße Baltische Nächte: Verträumte Straßen unter samtblauem Nachthimmel laden bei sommerlichen Temperaturen in Riga zu einem romantischen Nachtbummel ein (am Parlamentsgebäude)

Die Ostsee aus Satellitenperspektive (das Bild wurde erzeugt mit dem frei verfügbaren Programm GoogleEarth, siehe Startseite/Download-Bereich)

Hochauflösende Satellitenaufnahme von Riga/Stadteil Bolderaja (das Bild wurde erzeugt mit dem frei verfügbaren Programm GoogleEarth, Siehe Startseite/Download-Bereich)

(Download der Hafenkoordinaten für Estland und Lettland für GoogleEarth: *.zip, 660 kByte. Nach dem herunterladen muss das *.zip- File in ein beliebiges Verzeichnis ausgepackt und unter GoogleEarth bei bestehender Breitband-Internetverbindung geöffnet werden. Danach ist eine virtuelle Ansteuerung der Lettischen und Estnischen Häfen mit zum Teil hochauflösenden Satellitenbildern möglich)

Törnübersicht, Zeichnung (*.gif, 70 kByte)


Vorwort

In dreieinhalb Monaten alle Ostseeanrainer außer Russland besuchen und nebenbei alle 80 Häfen im Baltikum und an der Finnischen Südküste abklappern für ein neues Küstenhandbuch - rein zeitlich ein schwieriges Vorhaben. Das ist eine Segelei, die schon an Masochismus grenzt, wie mir ein Seglerkollege bescheinigte. Nichts da Segel-Urlaub, schon vor dem Hafen beginnt die mühsame klein-klein-Arbeit: GPS-Koordinaten aufnehmen, neue Tonnen eintragen, Leuchtfeuerkennungen prüfen, Lotungen eintragen. Kaum die Leine an Land, geht es weiter: Hafenfotos, Museen und Sehenswürdigkeiten besuchen und fotografieren, Serviceeinrichtungen prüfen, etc, etc... alles aufschreiben. Bis wann ist der Supermarkt geöffnet? Dann auf die Molen und zum Richtfeuer, weitere GPS-Koordinaten aufnehmen. Am Besten gleich noch mit einheimischen Seglern einen informativen Schnack und die Wassertiefen im vorbereiteten Plan mit dem Hafenmeister abgleichen. Und wenn die Zeit und die Kondition noch bis zum nächsten Hafen reicht: Leinen los und weiter.
Essen? Zwischendurch. Schnellschnellschnell. Entspannung? Wenn Sturm ist. Dabei dann am liebsten im Hafen sein, um alles bis dahin gesammelte in den Laptop zu hämmern und die bestenfalls schon vorbereiteten Hafenpläne nachzukorrigieren. Bei Schwell im Hafen wird das Zeichnen der Hafenpläne am kleinen Laptop-Bildschirm mühsam, die Computer-Maus rutscht immer wieder weg. Routenänderung? Nix da. Wenn es gegenan geht, geht es eben gegenan. Sowieso immer hinter dem Zeitplan herfahren. Das ist dann schon Berufs-Segelei, wie sie ähnlich wohl auf den Handelsseglern früherer Jahre vor sich ging, nur dass das Ganze nicht auf 20 m sondern nur auf 7,60 m Schiffslänge stattfindet. Aber keine Klagen, es gib anstrengendere Jobs. Und man hat immer frische Luft - bis auf die Abstecher mit einem Leihwagen zu nahegelegenen Häfen, für deren Besuch mit dem eigenen Segelschiff entweder das Wetter völlig ungeeignet oder die Zeit nicht mehr ausreichend war.

Arbeitsplatz:
Jeanneau Sangria BJ 1971 "PAHOA". 2,2 to, 7,60 m Lüa, 1,30 m Tg. 7 Vorsegel, Lattengroß mit 2 Reffs, Try-Segel, 6,5 PS Einbaudiesel. Stehhöhe: 1,78 - nur dass ich leider 1,88 groß bin. Wenn mein Kopf keine Dauerbeule auf dem Zenit bekommen soll, muss ich Druckstellen an den Knien in Kauf nehmen, oder habe ständig einen steifen Nacken. Ansonsten ist das ein guter Segler, gemäßigter Kurzkiel, 40% sehr tief liegender Ballastanteil, das schmale Heck ist prima gegen Querschlagen bei hoher achterlicher Welle. Ein Simrad-Autopilot ist zwar vorhanden, dieser jedoch unbrauchbar, da er alle 2 min piepend aussteigt, trotz nagelneuer Schiffsbatterien und am Ende aller Bemühungen direkter Verkabelung mit 8 Quadratmillimeter-Leitungen ohne Sicherung, Schalter oder Stecker dazwischen (Fast genau nach dem Ende der 2-Jährigen Gewährleistungsfrist und insgesamt 50 Betriebsstunden). Daher musste außer auf Amwindkursen immer jemand an der Pinne sitzen. Bin weite Strecken des Törns einhand gesegelt. Meistens eine beglückende Erfahrung, aber doch ein wenig einsam, da oft zu wenig Zeit blieb, im Hafen Anschluß zu suchen und zu finden. Zum Schluss: In Hanko/Finnland für das Buch alles im Kasten, aufatmen, endlich Heimatkurs. Die 7 Quadratmeter Wohn- und Arbeitsraum fangen langsam an zu drücken, wie ein Schuh, der eine halbe Nummer zu klein ist. Ruck-Zuck über die Alands und die schwedische Küste zurück nach Deutschland, Abgabetermin für das Buch rückt näher. Endlich kein Foto- und Recherche-Zwang mehr. Kurz vor Binnen 10 Tage in Kolberg eingeweht. Kaum zurück im heimatlichen Arbeitszimmer, holt das Meer dann den Segler ein: Geschlossener Raum, kaum auszuhalten. Fenster immer offen: Straßenlärm. Fernseher bleibt wochenlang aus, es gibt wichtigeres. Bin etwas wortkarger geworden. Das Dauersegeln verändert den Menschen, wer als Segler das negiert, hat es an sich selber nur noch nicht gemerkt. Zur Nachahmung empfohlen? Nur bedingt. Der Start:

Brandenburg a.d. Hvl, 9.5.2005

Fieberfrösteln, drei Pullover übereinander, mit letzter Kraft habe ich noch den Mast gelegt. Triefaugen, Triefnase, Halsschmerzen - muss es mich gerade jetzt so übel erwischen? Denkbar schlechter Auftakt für den Mammut-Törn. Harald Kersten aus Wuppertal steht am Tor zum Vereinsgelände der SGE Brandenburg e.V.
"Du musst den Kahn allein an die Küste bringen, ich bin völlig fertig" - meine Begrüßung. Wir haben uns erst wenige Wochen zuvor über das Internet-Forum der Kreuzer-Abteilung des DSV kontaktiert. Harald, selber Schiffseigner mit Atlantikerfahrung will mir als Coskipper helfen, mein Schiff so schnell wie möglich ins Baltikum zu segeln, wo meine Buchrecherche dann startet. Die drei Tage durch die Kanäle, 120 sm mit 5 Schleusen bis Stettin liege ich denn nahezu die ganze Zeit unter Deck oder betrachte apathisch im Cockpit hängend die langsam vorbeiziehenden Kanalufer. In Hennigsdorf bei Berlin machen wir Station. Der Hafenmeister zeigt uns seinen Jollenkreuzer, der von Bauart und Alter her eventuell der Verschollene von Albert Einstein sein könnte. Er hat ihn vor kurzem gekauft und begonnen, das betagte Schmuckstück zu restaurieren.

Stettin, Marina Porta Hotele, 12.5.2005

Kaum tuckert unser Boot unter den letzten Brücken von Stettin durch, geht es mir zusehends besser, sogar eine Zigarette und das Bier schmecken bald wieder. Wir machen in Marina Porta Hotele am Dabie-See fest, zumindest wollen wir das: Das von zwei gestandenen Schiffseignern professionell besprochene und in aller Ruhe vorbereitete Manöver wird überraschend doch ein lustiger Reinfall: Mit dem Mooringhaken in der Hand mittschiffs stehend läßt Harald die von mir gaaanz behutsam angesteuerte Hecktonne langsam achteraus an sich vorbeiwandern, und starrt dabei gedankenverloren aufs Wasser. Ich verstehe nichts mehr. Die Hecktonne wandert auch an mir vorbei, kriege den Haken nicht schnell genug in die Hand.
Wir gehen mit dem Steven erstmal an die gummiarmierte Pier, und motoren angeleint dann zur Hecktonne zurück. Wieso in aller Welt hängte er seinen Haken nicht einfach in die Öse auf der Tonne ein? Die Erklärung dafür ist schnell gefunden: Der Mittelmeerkenner suchte nach einer Mooringleine, die von der Tonne zum Ufer läuft, um sie mit dem Haken aufzunehmen. Nur dass es derartiges in der Ostsee nicht gibt. Da gibt es nur die Hecktonne. Zum einhaken für den Mooringhaken. Ich finde unser perfekt misslungenes Mannöver witzig, doch Harald kann nicht recht darüber lachen. Ich solle davon nicht mehr reden, meint er trocken. So sei es. Nach einem leckeren Bigos im Obergeschoß des Vereinsheims vom akademischen Segelclub Stettin stellen wir den Mast. Der große Törn kann morgen starten.

13.5. Erster Segeltag: Kaum Wind. Wir lassen es langsam angehen. Abends im Seglerkanal von Stepenitz haben wir einen emeritierten Professor aus Neuseeland an Bord zu Gast, der uns erzählt, dass er Ende der 90er-Jahre mit seinem Schiff nach Kaliningrad gesegelt ist, und dort für die Öffnung der Klappbrücke um 600 US-$ erleichtert wurde. Wir genießen polnischen Wodka. President Wodka, einen der besten. Beim Aussteigen rutscht der Professor auf dem Süll aus, und landet beinahe im Wasser. Das goldene Abendlicht in den Bäumen macht trunken. Stepenitz-Seglerkanal ist eine der lauschigsten Marinas am Stettiner Haff, beliebter Treffpunkt für eingefleischte Polen-Segler. Jedoch die Einfahrt zum Seglerkanal ist für Ortsunkundige schwer zu finden. Man kann vom Stepenitzer Strand aus etliche deutsche Yachten beobachten, die zwar zunächst vom Fahrwasser nach Norden auf die Einfahrt zuhalten, jedoch etwa 100 m vom Ufer wieder abdrehen. Die Einfahrt wird zwischen den Büschen erst sichtbar, wenn man nur noch ein paar Schiffslängen davon entfernt steht. Auch ich selber war dicht vor dem Ufer beim Anlaufen des Kanals mal wieder unsicher, ob ich noch richtig bin. Dann ist es schön, wenn man sich auf seine eigenen GPS-Koordinaten vom Vorjahr doch verlassen kann.

Swinemünde - Kolberg - Leba - Klaipeda - Liepaja (15.5. - 22.5)

In Swinemünde erstmal ein Tag Pause, ein steifer Nordost hält uns im Hafen fest. Gute Gelegenheit, zu bunkern. Der nächste Tag bringt uns den erhofften Westwind Bft 4-6, Abends sind wir in Kolberg. Kolberg kann ich nicht besuchen, ohne dass ein abendlicher Umtrunk stattfindet, dazu kenne ich hier schon zuviele Leute. Harald wird von starken Kopfschmerzen geplagt. Ablegen erst Mittags. Das Sperrgebiet vor Ustka ist geschlossen, also außen herum an der 12-sm-Linie durch die ruhige Nacht. Ich habe die Wache von Mitternacht bis drei. Nach anderthalb Stunden kommt endlich eine Brise aus Südwest auf, ich kann die Maschine abstellen. Hochgefühle, Großsegel zur Genua dazu gesetzt, jeder Schritt aus dem Cockpit angeleint. Ich vergesse die Zeit und genieße die Segel-Ruhe unter Vollzeug bei Rauschefahrt in den kalten Maimorgen. Dann der Sonnenaufgang, lange schon in der Dämmerung erwartet. Golden glühen die Wanderdünen des slovinzischen Nationalparks unter den ersten Stahlen der Morgensonne auf. Segeln für Genießer, ich bin mit mir und dem Schiff und der Welt im Einklang. Es ist halb fünf. Ein rumoren unter Deck hebt an, Harald stolpert unrasiert und tief verschlafen aus der Koje, grantig und mißgelaunt sein Aufwachen:
"Wieso hast Du mich nicht geweckt???" schnauzt er mich vorwurfsvoll an.
Nach den vergangenen wunderbaren Segel-Stunden kann mich auch ein Morgen-Gemuffel nicht tangieren, ich antworte gelassen:
"Das ist die falsche Frage, Harald. Die Richtige lautet: <Lieber Jörn, möchtest du ein Bier und dass ich dich ablöse?>"
Ruppig entgegnet er: "Ich kann mich nicht auf Dich verlassen!!!"
Ich versuche, zu besänftigen: "Sieh mal, ich hab es einfach nicht übers Herz gebracht dich zu wecken, du hast so selig vor dich hingeschnarcht Und das Schiff lief so schön, dass ich einfach weitergesegelt bin."
Ein unzufriedenes, unverständliches Brummeln wie von einem unrund laufenden Motor tönt von unten.Nach weiteren 10 Minuten rumoren und rumpeln in der Kombüse kommt dann die richtige Frage, mein Coskipper im Segelzeug und mit meinem Schlafbier in der Hand in die Plicht. Ich übergebe die Pinne. Harald hatte vor dem Aufwachen geträumt, dass ich über Bord gegangen bin, und beim Aufwachen hat er mich nicht gleich entdeckt, weil ich auf der Luvkante auf dem Süll saß. Eine reine Panik- und Stressreaktion, sein Granteln, er dachte tatsächlich im ersten Moment, dass er alleine ist auf meinem Schiff.
Nach drei Stunden sind wir fest in Leba, erstmal ausschlafen, dann um die Maschine kümmern: Wellenöl, Motoröl, Diesel auffüllen. Laptop an den KW-Empfänger anschließen für die abendliche Mittelfrist-Wettervorhersage vom DWD per Funkfernschreiber (RTTY). Leba ist eine der modernsten Marinas Polens mit guten Serviceeinrichtungen und einer Schiffstankstelle. Und das hübsche Städchen bietet viele Restaurants zum gemütlichen Einkehren, auch wenn der Ort in der Vorsaison noch nicht so von Touristen bevölkert ist und viele Straßencafés dann noch nicht geöffnet haben.

Piraten auf der Ostsee?

Ausklarieren am nächsten Morgen, raus aus Leba Richtung Klaipeda! Wir kommen schneller voran, als ich zu hoffen wagte, das Maiwetter ist ruhig, fast zu ruhig. Die Maschine muß über weite Strecken laufen: Dünung und kaum Wind. Gegen Mitternacht gerade eine Stunde in der Koje und mühsam eingeschlafen, höre ich Harald plötzlich aufgebracht rufen: "Jörn, du mußt jetzt doch mal rauskommen!. Zuvor hatte ich mir schon im Halbschlaf Gedanken darüber gemacht, warum unsere Yacht solche seltsam ungleichmäßigen Bewegungen vollführte. In der Dunkelheit sehe ich ein anderes Schiff auf uns zulaufen, starke Scheinwerfer auf uns gerichtet. Wir sind in internationalen Gewässern. Piraten jetzt auch schon auf der Ostsee? "Der drängt uns schon wieder ab, das geht jetzt bereits seit 20 Minuten so" berichtet Harald etwas nervös. Das fremde Schiff kommt mit hoher Fahrt auf uns zu und fährt uns dicht vor den Bug, wir drehen ab. Wildes schaukeln in der Bugwelle. Betrunkene Fischer, die sich aus Langeweile einen Spaß mit uns machen? Funkgerät an, Kanal 16, höchste Sendeleistung ich funke: "Unknown vessel in vicinity, Unknown vessel in vicinity, this is german sailship PAHOA, over"
Keine Antwort. "Mach schonmal die Notpinne als Knüppel klar" , meine Bemerkung zu Harald. Ich bin jetzt innerlich bereit, mein Schiff gegen Piraterie zu verteidigen. Wenn die uns bloß nicht rammen. Ich greife nach der Seenotmunition.
Das andere Schiff fährt jetzt Parallelkurs, 20 m Entfernung. Ich erkenne am Bug das Kennzeichen DAR 18 - also ein polnischer Fischer aus Darlowo. Erneuter Funkanruf auf Kanal 16:
"Polish fishing ship Darlowo 18, polish fishing ship Darlowo18, this is german sailship PAHOA, on course to Klaipeda over"
Es soll ruhig jeder im Umkreis von 20 Meilen wissen, dass hier etwas ungewöhnliches vor sich geht, und mit wem...
Dann endlich eine Antwort aus dem Lautsprecher. Für mich unverständlich, doch Harald erkennt den Sinn des Funkspruches, wir werden aufgefordert, auf Kanal 6 zu schalten. Auf diesem Kanal hören wir darauf die Worte: "PAHOA, danger, danger, drifting fishing nets 2 miles east"
Erleichterung macht sich breit, keine Piraten, keine üblen, gefählichen Scherze auf hoher See. Ich frage auf englisch, welchen Kurs wir laufen sollen, doch die Kommunikation ist schwierig, zu wenig polnisch auf unserer Seite, zu wenig englisch auf der anderen. Wir gehen auf langsamste Fahrt und ziehen kleine Kreise. Wir hören noch zwischen polnischen Worten ein "follow" heraus, und folgen dem beschleunigenden Fischer, der sich nun nach NNE von uns entfernt. Nach 15 min verlangsamt er seine Fahrt, so dass wir aufschließen können. Im den Lichtkegeln seiner nun wieder aufleuchtenden starken Scheinwerfer tauchen aus der Dunkelheit die beiden Netzbojen auf, die eine 150 m breite Durchfahrt durch das wahrscheinlich kilometerlange Treibnetz markieren. Kurz nach der Passage teilt er uns mit: "two net", und wir folgen noch eine halbe Stunde bis zur nächsten Durchfahrt, durch die er uns auch noch lotst.
Wir verabschieden uns winkend, fast längsseits, mit "Dziekuje Bardzo" (Vielen Dank) und einem lauten Tröööööt aus dem Signalhorn - nicht auszudenken, nachts mitten auf der Ostsee mit einem Netz in der Schraube hängenzubleiben, das Wasser hat 10°C, zu kalt zum tauchen. Nur mit Radar hätten wir eine Chance gehabt, die Durchfahrt zu finden, die Netzbojen trugen Reflektoren.
Der Rest der Überfahrt nach Klaipeda verläuft ruhiger. Dennoch sind wir beide recht übermüdet, als wir am Abend des folgenden Tages nach der Einklarierung um 19:00 im Kastellhafen in Klaipeda festmachen. Die ungewohnte Anstrengung der vergangenen vier Segeltage macht sich bemerkbar, wir brauchen beide eine Pause, auch voneinander. Immerhin waren das in 10 Tagen 440 Seemeilen, zwei Nachtfahrten, Mast stellen, 5 Schleusen. Und wir kannten uns vor dem Törn nicht.

Angekommen im Baltikum

Während Harald alleine die Stadt erkundet, arbeite ich am Laptop im Schiff und kontaktiere über den Rechner des netten Klaipedaer Hafenmeisters meine Softwarekunden. Ich kenne die Stadt schon, mache nur ein paar neue Hafenfotos. Dem Klaipedaer Festungshafen stehen große Veränderungen bevor: Er soll nach Süden hin erweitert und dafür eine Bootshalle abgerissen werden. Die Sanitäranlagen und weitere Serviceeinrichtungen wie Segelmacher, Ausrüster und ähnliches sollen in den großen alten Speicher neben dem Hafen einziehen.
Bequem ist im Klaipedaer Kastellhafen, dass der Zoll auf Bestellung des Hafenmeisters zur Ausklarierung pünktlich um 8:00 auf dem Steg steht, die Drehbrücke wird aufgekurbelt, und wir verlassen bei leichtem Südwind die Hafenausfahrt Klaipedas in Richtung Lettland. Durch das kleine militärische Sperrgebiet an der Küste segeln wir unbehelligt an seinem äußeren Rand - wir hatten vom Hafenmeister in Klaipeda hierzu nur die Info, dass es seit langem nicht benutzt wird.


Auf dem Weg längs der kurländischen Küste nach Norden, nach Liepaja: Der Spi hält bei leichtem Südwind die Geschwindigkeit annehmbar hoch

Vorbei am Ölterminal dicht bei der Grenze, wo auf der lettischen Seite, in Pape, bis 2008 eine neue Marina entstehen soll, hält unser 41 m2 -Spi die Geschwindigkeit annehmbar hoch, bis wir auf Kanal 71 um 15:00 von Riga Radio die Windvorhersage für die Zentrale Ostsee hören: 4-9m/s, lokal Schauerböen. Den Spi bergen wir vorsichtshalber bei der nächsten Windzunahme. Unter Motor geht es dann am späten Nachmittag durch die breite Südeinfahrt der Wellenbrecher vor Liepaja, nie zeigte das Echolot weniger als 7 m Wassertiefe an. Im Inneren des Vorhafens finden wir ausgetonnte Fahrwasser vor. Noch während wir im Vorhafen die GPS-Positionen an den Fahrwasserabzweigungen aufschreiben, können wir ein auf lettisch geführtes Funkgespräch auf Kanal 11 verfolgen, in dem unser Schiffsname genannt wird. Wir melden uns daraufhin ordnungsgemäß auf englisch an, und werden angewiesen, zum Yachthafen weiterzufahren.


Der rot-weiß geringelte Schornstein des Kraftwerks in Liepaja am Hafenkanal peilt auf die Südeinfahrt des Hafens in 120° und ist bereits von weitem eine gute Ansteuerungshilfe. Der Yachthafen befindet sich am östlichen Ende des Hafenkanals, dicht vor der ersten Brücke.

Dort wartet am Steg schon der junge Hafenmeister Maris Krummins auf uns, nimmt die Leine an und uns mit in sein Büro, wo er als erstes einen Kaffee reicht. Seine erste Frage betrifft die Liegegebühr von 10 Lat/Tag, und ob wir damit einverstanden wären. Fast entschuldigend erzählt er daraufhin die Geschichte von einem reichen, alten Engländer, der vor drei Jahren mit seiner "Spirit of Europe" in Liepaja gelegen hat. Dieser knapp 70-jährige Besitzer mehrerer Firmen bat ihn damals, ihm eine Konkubine zu besorgen, die ihm auf seinem Schiff nicht gegen Geld, aber gegen teure Geschenke Gesellschaft leisten sollte. Mit dieser und ihren Freundinnen verbrachte besagter betagter Engländer dann einige Wochen in Liepaja, wobei an Bord des großen Motorbootes ausgelassene Feiern stattfanden. Als er vor seiner Weiterfahrt seine Liegegebühr begleichen sollte, weigerte er sich jedoch, bis Maris den Grenzschutz anrief, und das Schiff an die Kette legen ließ. Erst nach zwei Tagen zäher Verhandlungen zahlte er. Genau diesen Mann, Bernhard Stroud, hatte auch ich zufällig im Herbst auf meiner Rückreise von Danzig vor drei Jahren in Schwedt an der Oder getroffen. Ich half ihm damals, das hölzerne Dinghi von seinem Großvater aus den Davits seiner "Spirit of Europe" an Land zu hieven. Er rühmte sich, dass er sogar Mageret Thatcher einmal an Bord hatte und hielt überhaupt nichts vom Euro auch in England. Dann nahm er mich zur Seite, und fragte mich, ob ich ihm ein oder zwei Frauen besorgen könnte, in Schwedt, oder jemanden kenne, der das kann. Ich hatte das damals für einen Scherz eines verschrobenen, lustigen alten Engländers gehalten und nur gelacht.

Nachdem Hafenmeister Maris, der in den Wintermonaten in London ein Touristik-Studium absolviert, mit unseren Ausweisen und dem Einklarierformular vom Zoll zurück ist, zeigt er uns die mit gemütlichen Ledersesseln ausgestattete Lounge vor der Sauna mit Pool und die komfortablen Sanitäreinrichtungen mit Waschmaschine. Einen Segelmacher gibt es auch im alten Speicher am Yachthafen, bei dem wir ins Internet schauen könnten, wenn wir wollen, erfahren wir. Er fragt, ob wir Diesel brauchen, den er dann von einer nahen Tankstelle mit seinem Volvo für uns besorgt. Wir laden ihn zu einem gemeinsamen Abendessen ein, er hat Zeit. Er fährt mit uns zu einem der angesagtesten Restaurants der Stadt, wir probieren das "Wasserschwein", eine nur hier erhältliche Spezialität: Ein Stück Lachs, eingerollt in einem mageren Schweineschnitzel, im Backofen mit Pflaumensoße gegart. Die schmackhafte Kreation stammt aus dem Jahr, in dem Lettland unabhängig wurde.
Der Yachthafen wird bald um eine 70-Plätze Steganlage erweitert, weil so viele Yachten aus Deutschland und Polen kommen, berichtet er uns an diesem Abend, und dass die Pläne für eine neue Marina im Karostas-Kanal im nördlichen Teil des Hafenareals für unbestimmte Zeit auf Eis liegen.


Hafeneinfahrt von Pavilosta/Lettland: Versandungsneigung, schmal und nur um 4 m tief. Nur bei auflandigem Seegang kleiner 1,5 m sicher anzulaufen


Einhand : Liepaja - Ventspils - Roja - Mersrags - Engure - Riga

Am nächsten Tag reist Harald über Riga zurück nach Deutschland, und ich werde von Maris in seinem Volvo ins nahe Pavilosta gefahren, um meine Recherche dort durchzuführen. Das war sehr praktisch für mich, denn als ich einen Tag später einhand in diese Richtung segle, frischt der Wind nach Durchzug einer gewittrigen Kaltfront auf Bft 6 aus WNW auf, und das Einlaufen wäre bei 2 m achterlicher See mit Einfahrtswassertiefe um 4 m in Pavilosta doch recht riskant gewesen.

Pavilosta: Der kommunale Anleger ist auch für Segelyachten zu benutzen. Gegenüber, auf dem Südufer entsteht bis 2006 eine neue Marina mit 40 Liegeplätzen

So konnte ich an diesem Tag direkt weiter nach Ventspils, ohne dass für das neue Buch ein riskanter Zwischenstopp in Pavilosta notwendig geworden wäre. Als ich nach meiner ersten diesjährigen Einhand-Etappe und 60 Meilen auf Kanal 9 ordnungsgemäß in Ventspils meine Ankunft melde, höre ich aus dem Lautsprecher nur ein mehrdeutiges "YES". Dies war auch gleichzeitig das letzte Mal, dass ich im Baltikum das Funkgerät benutzt habe - es war danach nicht mehr erforderlich.


Blick über die Moorings des großen Yachthafens von Ventspils im Abendlicht - das Hafenumfeld ist geprägt durch weitläufige Industrieanlagen


Dörfliches Idyll mitten in der hübschen, gepflegten Altstadt von Ventspils: Ein blühender Garten, im Hintergrund das Hafenamt. Die Einnahmen aus dem Ölexport und der große, eisfreie Hafen bescheren der kleinen Stadt sichtbaren Wohlstand

Sauna mit den Fischern von Ventspils

Die Grenzpolizisten warten schon auf dem Steg, als ich im Yachthafen von Ventspils anlege. Kontrollieren die Einklarierung von Liepaja, fragen zweimal nach, woher ich denn käme, und ob ich wirklich alleine unterwegs sei. Während die hübsche Zöllnerin auf dem Steg irgendwelche Formulare ausfüllt, bitte ich den jüngeren Beamten des Duos an Bord, zeige ihm das Schiff. Begeistert läßt er sich erzählen und nimmt sogar einen Multivitaminsaft an. Nach 10 Minuten ist die Grenzschutzkontrolle beendet. Außer mir liegt nur noch ein Schwede im Hafen. Hungrig, vom Regen durchnäßt, vom Wind ausgekühlt, frage ich den Hafenmeister, ob denn das Restaurant im Hafengebäude offen ist.
"Erst im Sommer, wenn die Segler kommen", seine Antwort. Und dass die Restaurants im 2 km entfernten Stadtzentrum um 22:00 zumachen. Die verbleibenden 20 min reichen nicht. Ich bin ein paar Tage zu schnell gewesen und heute zu weit gesegelt. Er sieht mir meine ausgelaugte Enttäuschung an, verschwindet für 5 min und kommt zurück, klopft an der Relingstütze:
"Würde es Ihnen etwas ausmachen, mit den Fischern Sauna zu haben?" spricht er in beinahe akzentfreiem Deutsch. "Die laden Sie nämlich zum Essen ein."
Ich bin fast elektrisiert und freue mich wie ein Kind zu Weihnachten, denn der Bratengeruch vom improvisierten Grill vor der Saunatür am Yachthafen stieg mir schon verführerisch lecker in die Nase, während ich nach der gehaltvollsten meiner Konservendosen im Schapp wühlte. Schnell greife ich alle Vorräte an Bier und Wodka, die in meinen kleinen Rucksack passen, das Brot aus Liepaja, und gehe hoch zum Yachthafengebäude, zur Sauna.
Die Besatzungen von drei Fischerbooten sitzen hier, um die 14 Mann, nur mit Handtüchern bekleidet. Auf dem Tisch Bierflaschen, eine 2-Literflasche Wodka, eine große Schüssel voll mit vorbereiteten Schaschlikspießen, und eine nur wenig kleinere mit gebratenen, die gerade die Runde macht. Ich packe meinen Kram dazu.
"Häng erst mal deine Klamotten weg"
, meint einer der Kapitäne auf englisch zu mir. Kaum im Vorraum, umfängt mich schon eine wohltuende Wärme, nichts wie raus aus den klammen Segelsachen, drei Schichten auspellen bis zum T-Shirt. Aufwärmen. Noch auf dem Weg zum Tisch wird mir von jemandem ein Bier in die Hand gedrückt, in die andere ein Schnapsglas. Kaum sitze ich, kommt von der einen Seite die Schüssel mit den gebratenen Spießen, von der anderen die Wodkaflasche, die mein Glas füllt. "Skol". Kling - zuprosten und austrinken. Das tut gut. Schon ist das Schnapsglas wieder voll. Nach zweien von diesen exzellent in Rotwein, Senf und Kräutern marinierten Schaschliks, deren Bestückung selbst in Polen für mindestens vier von normaler Größe gereicht hätte, war ich bereits so pappsatt, dass ich kaum noch sprechen konnte. Was für ein Festmahl. Dazwischen das woher, wohin, wofür, ein paar lettische Vokabeln zum lernen und immer wieder Wodka und Bier. Ab in die Sauna, alles ausschwitzen. Kurz vorm Kollaps wieder raus, weiterfuttern, weitertrinken. Und wieder in die Sauna. Die kalte Dusche danach tut mittlerweile richtig gut. Macht wieder hungrig. Und durstig. Ich frage den Kapitän, warum sich denn eigentlich die Deutschen, Russen und Schweden in den vergangenen Jahrhunderten immer um Lettland gerissen haben. Seine launige Antwort: "That's quite clear, we have the most beautiful women in the world in Latvia".
Nach dem sechsten Schaschlik gebe ich auf. Schiebe die Schüssel nur noch weiter. Es ist kurz nach Mitternacht. Dann zaubert der Kapitän den pikant-sauer eingelegten Knoblauch hervor, als Nachtisch. Er bevorzugt den aus Polen, das Beste daran seien die scharfen Pepperoni mit kräftigem Knoblaucharoma ganz unten im Glas. Angelt mir eine mit dem Finger durch den Knoblauch an die Oberfläche. In der Tat. Recht hat er. Die gemäßigte Schärfe mischt sich harmonisch mit gleichmäßig verteiltem Knoblauch-Aroma. Danach noch ein Bier. In der netten Saunarunde ist auch der junge Fischereiinspektor anwesend, der die Fangquoten überprüft. Die Fischer drohen ihm scherzhaft, daß sie ihn in der Sauna einsperren, wenn er zu scharf kontrolliert. Um eins ist dann Aufräumen und Abgang angesagt, die Fischer müssen morgen um fünf wieder raus, in vier Stunden. Der englischspachige Kapitän lädt mich nach Engure ein, wo er wohnt. Wir tauschen unseren Wodka: Moskovskaja gegen Jan Sobieski.

Ventspils - Roja
Nur noch die eine lange Etappe, und ich habe das Gröbste hinter mir, denke ich, als ich frühmorgens in Ventspils ablege. Nur noch den Kahn sicher in die Rigaer Bucht segeln, runter von der freien Ostsee. Es sind schlappe 12 Meilen nach Norden bis Kap Ovisii (Lyserort), dann nochmal rund 35 Meilen nach Nordost die Irbenstraße hoch bis Kap Kolka und dann letzte 18 bis Roja, diese in Landabdeckung. Bei angesagten SW Bft 3-4 sollte das kein Problem werden. Am Kap Ovisii setze ich einen GPS-Wegpunkt dicht am Leuchtturm, um abzukürzen. Segle auf nur 5 m Wassertiefe. Verträumt schaue ich dort auf die nahe Küste mit dem Leuchtturm, lasse den Blick achteraus schweifen, plötzlich eine Schreck, Adrenalin schießt in die Adern: Schräg achteraus, kaum eine Kabellänge entfernt ragt ein gelber Metallmast von einem Wrack aus dem Wasser. Verdammt, das hätte auch schiefgehen können. Wieder und wieder kontrolliere ich danach Kurs und Position und meine GPS-Wegpunkte in den folgenden Stunden bis zum Kap Kolka: In der Irben-Straße liegen noch einige gefährliche Wracks. Der böige achterliche Wind ist zeitweise zu stark für den Spi, aber größtenteils etwas zu schwach für Genua und Groß. Ich sitze bereits seit 10 Stunden unter Schmetterlingssegeln an der Pinne, als ich endlich den Leuchtturm Kolka am Eingang der Rigaer Bucht erreiche, der langsam auf seiner Insel künstlichen Ursprungs aus dem Dunst auftaucht. Dieser Kurs ist anstrengend, das Schiff muss auf Speed gehalten werden, kaum eine Sekunde ist Zeit für Entspannung. Die achterlichen Wellen schieben das Heck immer wieder seitlich aus dem Kurs.

Rund Leuchtturm Kolka, abdrehen nach Südosten, kaum am Leuchtturm vorbei, wird das Wasser plötzlich weiß. Starkwind aus heiterem Himmel! Genua runterreißen, ein Reff ins Groß und die kleinste Fock setzen. Das werden schnelle 18 Meilen bis Roja, denke ich. Doch nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei, von einer Minute auf die andere ist der Wind wie abgeschaltet und es wird eisekalt. Die Sonne scheint immer noch aus einem klaren, unbewölkten Himmel. Motor an, ich will ankommen. Ist so der Wind in der Rigaer Bucht? Das kann ja noch heiter werden. Wurde es auch. Nach einer halben Stunde Motorfahrt gibt es wieder etwas Wind, diesmal jedoch aus Osten: Genua und Großsegel wird gesetzt. Wieder 20 min später: Erneut Flaute. Genua geborgen, Motorfahrt. Eine Dünung aus Südwest kommt auf, danach der zugehörige Wind: Genua wieder gesetzt. Der Wind nimmt langsam zu von Bft 3 auf Bft 5, die Genua wird geborgen, kleine Fock gesetzt und ein Reff ins Groß. Ich turne mehr auf dem Vorschiff herum, um die Segel zu wechseln, als ich im Cockpit sitze. Wind nimmt weiter zu: Bft 6, Bft 7, zweites Reff ins Groß. In Boen jetzt bis 8, aus West. Ein außerordentlich warmer Wind, um die 20°. Noch vor ein paar Minuten waren es nur 12°. Da nur 3 Meilen vom Land entfernt, ist die Welle vernachlässigbar klein. Starkwindsegeln unter Binnen-Bedingungen. Das macht mir großen Spaß, zumal sich das Schiff auf dem Amwindkurs mit festgeklemmter Pinne selber steuert. Endlich habe ich die Hände frei und kann etwas essen. Dann setzt eine lange Boe ein, 50° Schräglage. Sturmfock aus der Backskiste rauskramen? Nein, ich reite die stärksten Boen ab, habe einfach keine Lust mehr auf Segelwechsel. Dieser Spuk dauert dann auch nur eine knappe halbe Stunde, und ich beginne bald auszureffen, wenig später laufe ich wieder unter Vollzeug. Eine Meile vor der Hafeneinfahrt Roja ist der Wind dann ganz weg. Völlig verrückte Atmosphäre.


Yachtsteg von Roja am gleichnamigen Fluß

In Roja kommt nach dem Anlegen auch sogleich ein Grenzer auf den Schwimmsteg am Fluß. Begrüßung mit Handschlag auf deutsch: "Willkommen in Roja". Bevor wir von den Mücken ganz aufgefressen werden, bitte ich ihn ins Schiff, und hänge ein Mückennetz vor den Niedergang. Wir unterhalten uns über alles Mögliche, und irgendwann will er auch mein Enklarierdokument sehen, welches er sich gewissenhaft für seinen neuen Aktenordner abschreibt. Wenig später steht ein junger Mann im Abiturientenalter auf dem Steg, zeigt einen Dienstausweis und kassiert die Liegegebühr: Hafenmeister ist sein Ferienjob. Er spricht hervorragend englisch. Nach einer knappen Stunde weiß ich so ziemlich alles, was es über Roja zu wissen gibt. Zum Beispiel, dass die Esten, die hier vorletztes Jahr zur Regatta herkamen, Ärger hatten mit den einheimischen jungen Männern. Es gab sogar Prügeleien. Die kernigen Segler hatten den Jungs aus Roja die Mädels ausgespannt. Und am nächsten Morgen, immer noch volltrunken, den Hafen zugeschissen, weil es da den Sanitärcontainer noch nicht gab. Nein, die Esten seien hier weit weniger hoch angesehen als die Deutschen, Polen, Finnen und Schweden meint er nüchtern. Er leiht mir den Hafenkahn für eine Ruderpartie auf der idyllischen Roja zum Besuch einer gefassten Quelle am Ufer, einen km flussaufwärts.


Die Fischereiflotte von Roja

Roja - Mersrags - Engure

Am nächsten Tag ist Starkwind, im Rigg rüttelt und pfeift es, ich brauche einen Tag Segelpause. Den Schwänen im Vorhafen zaust der Südwest das Gefieder, schon dort stehen Schaumkronen. Die GPS-Koordinaten, die ich auf den Molenköpfen, der Flußmündung und am neuen Richtfeuer nehme, erlauben mir, einen hochgenauen Hafenplan von Roja zu zeichnen. Die Richtfeuerlinie (Sektorenfeuer WRG) ist seit 2003 nicht mehr 198°, sondern 215° und auch am Tag befeuert. Es gibt eine Tankstelle, ein Internetcafe, Post, Bank, Supermärkte, ein Fischereimuseum und ein Hotel mit gutem Restaurant. Das Rot-Gelbe Passagierschiff, das seinen Liegeplatz gleich neben dem Yachtsteg hat ist ein umgebauter Fischkutter. Er fährt Touristen für einen Tagesausflug mit Inselexkursion hinüber nach Ruhnu in Estland.


Ende Mai, zu früh in Mersrags: Noch kein Yachtanleger im Wasser, nur eine hohe, zugige Betonpier als Anlegemöglichkeit.

Während in Roja zumindest noch zwei unbesetzte Dauerlieger mit am Steg waren, so finde ich im 19 sm entfernten Mersrags noch nicht einmal einen Yachtanleger vor. Ich mache an einer hohen Betonpier fest, auf der eine tote Möwe liegt. Der rote Sanitärcontainer an der Pier ist abgeschlossen. Auch hier kommt bald ein Grenzer an, und will meine Papiere sehen. Der kräftige Nordwestwind drückt mein Schiff gegen die Pier - nein, ich will hier nicht bleiben. Ob es einen Yachtsteg gäbe?
"Der ist im Sturm kaputt gegangen, soll wieder repariert werden", teilt der Grenzer mir mit. "Aber erst zum Sommer, wenn die Segler kommen...", meint er weiter. Dieser Spruch kommt mir bekannt vor. Und weil ich nach einem kurzen Rundgang durch das hübsche Dorf gleich wieder weiterfahren will, verzichtet er auf eine Kontrolle.

Es geht weiter nach Engure, bis dort sind es noch 20 Meilen. In Engure versandet die Einfahrt, ich lote nur 2,6 m Wassertiefe. Es wird mit Netzen beiderseits der Einfahrt gefischt, daher muss man schon eine halbe Meile vor dem Hafen die 270°-Ansteuerung einhalten, die mit Richtmarken bezeichnet ist. Auch hier ist die Saison noch nicht in Sicht, die beiden reedgedeckten Sanitärhäuschen am Hafen sind abgeschlossen, weil noch in Renovierung.


Engure: Das schwimmende Clubheim aus Holz ist eine Kuriosität, wegen der alleine sich ein Besuch schon lohnt.

Nur ein einheimisches Schiff und die Yacht des Besitzers des schwimmenden Clubheims liegen hier. Sie trägt eine schwedische Flagge, ihr Besitzer hat das Schiff in Gotland angemeldet, weil das billiger und unbürokratischer ist. Angenehm fällt mir auf, dass es in Engure keine Grenzer gibt. Das schwimmende Clubheim von Engure lag vor einigen Jahrzehnten auf einem Fluss in Russland und diente als Ferienheim für Jugendfreizeiten, bis es in die Rigaer Bucht kam. Der nette Lette lädt mich zu sich nach Hause zum Duschen und zur Nutzung seines Internetrechners ein. Ob ich kaputte Segel hätte, fragt er: Er besitzt eine Industrienähmaschine, und repariert alles, was in der südlichen Rigaer Bucht an Segeltuch zu Bruch geht. Er gibt mir Tips zur nicht ganz unkomplizierten Ansteuerung der Lielupe-Mündung, über die ich in keinem Hafenhandbuch etwas gefunden habe. Morgen will ich dort hin. Doch es kam anders:


Einen schönen Blick hat man von der Petrikirche, einem der beiden Wahrzeichen Rigas über die Altstadt mit dem Dom und die Daugava bis zur 7 sm entfernten Rigaer Bucht

Engure - Riga, ein beinahe mörderischer Ritt

29.5.2005, 19:00: Heute hat mir die Rigaer Bucht gründlich die Zähne gezeigt. Die kleinste Fock zerrt das Schiff immer noch oberhalb der Rumpfgeschwindigkeit Daugava-aufwärts. Schon zwei Meilen hinter der Hafeneinfahrt von Riga, steht noch bis 1 m Welle auf dem breiten Strom. Unten, in der Kajüte schwappt die gelbbraune Brühe, etliche Eimer voll habe ich schon ausgelenzt. Die Farbe des Wassers ähnelt der von Coca-Cola: Daugava-Humus. Wie man sonst eine Pütz Meerwasser an Deck holt zum Schrubben, klatschte der Eimer durch den immer noch offenen Niedergang in die geflutete Kombüse. Ich bin klitschnass, habe weder Segelzeug noch Stiefel an. Jeder vernünftige Segler wird denken, dieser Skipper versteht nichts von Seemannschaft, und vielleicht hat er damit Recht. Aber manchmal überschlagen sich nicht nur die Ereignisse, sondern auch die Wellen. Plötzlich, sehr plötzlich ist dann keine Hand mehr frei, wenn man nicht ein Querschlagen und mögliche Kenterung riskieren will.

Alles begann heute mit einem schönen, sonnigen Morgen in Engure, keine 40 Meilen von hier. Die Windvorhersage des DWD für die Rigaer Bucht lautete SW 3-4, später abnehmend SE 2. Ideal zur Erkundung der Lielupe-Mündung und ihrer Sandbänke, dieser leichte, ablandige Wind, denke ich. Setze den Kurs darauf ab. Schon bald, am Vormittag, ist wieder Flaute und motoren angesagt. 10 Meilen vor der Lielupe beginnt das Schiff stärker und stärker in der schnell höher werdenden NW-Dünung zu schaukeln. Das war mir zwar schon eine Warnung, doch ich habe nicht adäquat darauf reagiert. Erst als der bald aufkommende Nordwest von Bft 3 auf Bft 5 zunahm, traf ich die verspätete Entscheidung, doch lieber Riga anzulaufen, statt mich auf die Sandbänke vor der Lielupe schieben zu lassen. Kaum den Kurs geändert, noch 16 Meilen bis Riga, wird es höchste Zeit für ein Reff im Großsegel: Bft 5-6. Die Wellen werden weit schneller höher, als der Wind zunimmt. Zwei Meter Seegang passt nicht zu einer frischen Brise - das hätte mir zu diesem Zeitpunkt auffallen müssen. Ich segle im T-Shirt, darüber nur die Automatik-Rettungsweste, die Bretter zum Schließen des Niedergangs stehen wohl verstaut und verzurrt vorne in der Toilettenkabine. Die Koordinate der Rigaer Hafeneinfahrt ist nicht im GPS eingegeben. Jetzt hätte ich noch die allerletze Gelegenheit gehabt, alles sturmklar zu machen, doch ich unterließ es mit dem Gedanken, möglichst schnell und ohne zum Land auf Legerwall zu treiben, die letzten drei Stunden bis zum sicheren Hafen durchzustehen.

Die erste Welle kommt über, vor der ich mich noch unter die Sprayhood wegducken kann, die nächste erwischt mich voll: Naß bis auf die Knochen. Erschreckt schaue ich mich um, als ein pfeifender Dauerton einsetzt, dieses Geräusch habe ich noch nie auf meinem Schiff gehört. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich die Quelle orte: Mein Log gibt bei 7 kn Overspeed-Alarm (Rumpfgeschwindigkeit: 5,6 kn). Verdammt! Die Genua muss denn doch runter und ich dazu aufs Vorschiff. Das Groß ist schon im zweiten Reff, kleiner geht nicht. Das Overspeed-Pfeifen des Logs sollte mich später noch bis weit hinter die Hafeneinfahrt begleiten.

Laut knallt das große Vorsegel mit geöffneter Schot und Fall, die wild und unkontrolliert schlingernden Bewegungen des Schiffes mit festgelaschter Pinne machen die 5 Meter nach vorne auf allen vieren hinter dem viel zu niedrigen Seezaun zu einem beinahe minutenlang dauernden Akrobatik-Akt. Immer wieder krängt das Schiff in den fürchterlich kurzen, steilen Wellen auch stark auf die Luv-Seite, und ich fühle, wie mein Schwerpunkt dabei gefährlich nahe an die Relingoberkante rückt. Heilfroh bin ich jetzt für die Sorgleine, die Harald und ich gleich zu Anfang des Törns längs über das Deck gespannt hatten. Ein stabiles, flaches Gurtband, damit man darauf nicht seitlich wegrollt. So muß ich meinen Lifebelt nicht umschäkeln. Und bin froh um den einhand immer gefahrenen Bullenstander, der unter diesen Rodeo-Bedingungen verhindert, dass mir der Großbaum um die Ohren schlägt oder am Lümmelbeschlag vom Mast reißt. Es ist ein wildes Zerren und Reißen, bis die Genua endlich an Deck ist. Der Wind will das große Tuch am Vorstag immer wieder hochziehen. Das alles geht fast nur im Liegen, schon auf den Knien hätte ich keine Chance gehabt, das Gleichgewicht zu wahren. Zwischendurch immer wieder nahezu Schwerelosigkeit, wenn das Schiff über den Wellenkamm kippt, dann eine Badewanne voll Wasser über das Deck und ins Gesicht, beim eintauchen in die nächste. Meine Fußreling ist viel zu flach und glatt, ich muss an einer Relingstüze Halt suchen, um nicht unter der Reling durchgespült zu werden. Endlich ist die Genua abgeschäkelt und halbwegs sicher an der Luvreling verzurrt. Darunter die kleinste Fock bereit zum vorheißen. Rund 30 Minuten hat der Segelwechsel gedauert, und ich bin dabei sicherlich ein bis zwei Meilen näher zur Küste getrieben. Hoffentlich dreht der Wind nicht nördlicher, noch ist es ein schnell segelbarer Halbwindkurs zur Daugava-Mündung. Von den Wellenkämmen fliegt jetzt Gischt, so langsam paßt der Wind zum Seegang. Nur wo ist die Hafeneinfahrt? Die Pinne kann ich jetzt nicht mehr loslassen, um in der Kajüte nach den Koordinaten zu suchen, geschweige denn, diese ins GPS einzugeben. Also wird im Kopf gekoppelt, möglichst Speed und Höhe gelaufen, auch wenn ich dabei ein paar Meilen Umweg in Kauf nehme. Bloß nicht zu dicht zum Land geraten...

Nach eineinhalb Stunden taucht der schwarz-weiß gestreifte Leuchtturm an der Daugava-Mündung zum ersten Mal auf, als das Schiff über einen hohen Wellenkamm geht, etwa drei bis vier Meilen steuerbord voraus. Dort hatte ich ihn auch erwartet. Danach sehe ich ihn mal querab, und wieder voraus auftauchen. Der Wind nimmt immer noch zu, Seegang um 2 - 2,5 m. Bei den größten Wellen schaue ich im 45°-Winkel aus dem Wellental nach oben auf den anrollenden Kamm, die müssen um 3-4 m hoch sein. Außer, dass ab und zu eine kalte Dusche mit diesem gelbbraunen, humushaltigen Wasser über die Sprayhood geflogen kommt, und das Schiff noch immer bzw. nun wieder übertakelt ist, macht mir jetzt nur eines Sorgen: Bevor ich in Richtung auf die Hafeneinfahrt nach Südosten auf einen Vorwindkurs abdrehen kann, muss das Groß ganz geborgen werden, sonst ist ein Querschlagen oder eine Patenthalse in diesem Seegang auf dem neuen Kurs nahezu unvermeidlich. Ein großer Frachter läuft aus Riga aus, und zeigt mir damit, wo in etwa das Fahrwasser verläuft. Ich schätze die Zeit bis zur Kursänderung ab und steuere weiter meinen nassen Nordostkurs. In einer Viertelstunde ist das Großsegel dann auch sicher auf dem Baum verzurrt. Abdrehen auf die vermutete Hafeneinfahrt, der LT Daugavgriva taucht auch wieder kurz auf: südöstlich voraus, noch etwa zwei Meilen. Die erste grüne Fahrwassertonne ist gesichtet, das beruhigt: Hier bin ich richtig. Ein weiterer Frachter läuft aus, ich halte einen Kurs knapp steuerbord neben ihm an, als er näher kommt. Surfe eine große Welle hinunter, die rollt langsam unter dem Schiff durch, verdeckt die Sicht nach vorne. Die nächste hebt das Boot achtern an, die Heckwelle gurgelt und zischt schon, da tanzt, noch drei Schiffslängen entfernt, die nächste güne Tonne über den vorderen Wellenkamm, mir genau vor den Bug. Ich reiße das Ruder zur Seite, die Yacht reagiert im Surf verspätet und um Haaresbreite kann ich eine Ramming bei über 6 Knoten vermeiden: Fast quergeschlagen kreiselt der flachliegende Mast kaum zwei Meter über das tonnenschwere, hohe Blechungetüm. Man sieht die Dinger bei diesen Bedingungen zu spät! Nicht auszudenken, in dieser See noch an einer Tonne leckzuschlagen. Der Frachter fährt an mir vorbei, mit großzügigem Abstand. Noch eine Meile bis zur Hafeneinfahrt. Die Wassertiefe sinkt von 30 m auf 8-12 m, die Wellen werden noch steiler. Nachdem der Frachter mich passiert hat, erlebe ich eine wirklich unangenehme Überraschung: Hinter mir türmt sich das Wasser auf, die Bugwelle des Frachters läuft entgegen, und ehe ich irgendetwas denken oder tun kann, klappt die Wasserwand von hinten über das Schiff. Kurz, massiv und ohne Gischtwalze, es ist als ob das Schiff am Bug hart abgestoppt und einfach nach hinten auf halber Höhe durch die achterlich anrollende Welle gestoßen wird. Das Wasser wirft mich nach vorne gegen das Schott, das Cockpit voll, und schlägt ungehindert durch den breiten, offenen Niedergang in die Kajüte. Badewannenweise. Die wassergefüllte Sprayhood reißt an der unteren Naht ein. Noch ehe ich mich wieder sortiert habe, kommt die Heckwelle des Frachters entgegen: Das Gleiche nochmal, nur nicht ganz so heftig. Bis zur halben Höhe der normalen Wasserline schwappt es jetzt gelbbraun über den Bodenbrettern. Und dann, nur noch wenige, letzte Kabellängen von den jetzt zeitweise sichtbaren Molenköpfen entfernt, brechen die Wellen regelmäßig über das Heck, aufgesteilt durch meine eigene Heckwelle. Meistens erreicht dabei jedoch nur etwas gelb-schaumige Gischt den offenen Niedergang. Endlich ziehen die Molenköpfe vorbei, der Leuchtturm am Fuß der Westmole ebenso, und der Hexentanz ist schließlich vorüber.
Erst jetzt fange ich an zu frieren. Die Pütz tritt in Aktion, während mein Nachen unter kleinster Fock mit 6,5 Knoten den breiten Strom aufwärts rauscht. Ich freue mich, dass er noch schwimmt und wechsle nach dem Lenzen erstmal im Cockpit die nassen Klamotten. Die trockenen hole ich mir aus den hochgelegenen Schapps im Vorschiff, immer noch knöcheltief im Wasser stehend.
Später erfahre ich vom Hafenmeister im Yachtcenter Andrejosta, dass entgegen der sonst sehr verläßlichen lettischen Prognose (S-SE Bft 4-5) bis zu 26 m/s (Bft 9) aus NW gemessen worden sind. Von einem lettischen Segler mit einem 12 m-Schiff, der anderthalb Stunden nach mir in den Hafen kam. Das alles bei immer noch strahlend baltisch-blauem Himmel.
Meine Kamera und anderes empfindliches ist glücklicherweise nicht in Mitleidenschaft gezogen, diese Dinge waren hoch und sicher genug in Plastiktüten verpackt, selbst im Motorraum finde ich später im Hafen nur eine kleine Pfütze, ich war schnell genug mit der Pütz nach der Hafeneinfahrt, um das Gröbste auszulenzen. Fest in Riga. Und um eine Erfahrung reicher: Ab 2 m Seegang muß mit diesem Schiff der Niedergang zu sein. Mindestens.


Das Haus der Schwarzhäuptergilde aus der Hansezeit in Riga, im Hintergrund die Petrikirche, eines der Wahrzeichen Rigas.

Aufenthalt in Riga - Erkundung der Lielupe (29.5. - 10.6.)

Als erstes fällt mir im Rigaer Yachtcenter Andrejosta auf, dass zwar gegenüber der von mir angesteuerten Schwimmsteg-Box ein paar Leute auf einer Motoryacht sitzen, diese jedoch keinen Finger rühren, um von mir eine Leine anzunehmen. Reiche Russen, die sich wochenends mit Wodka zuschütten. Teilnahmslos stierend beobachten sie mein Anlegemanöver, einer liegt schon mit dem Kopf auf dem Cockpit-Tisch. Außer meinem Schiff gibt es keine andere Gastyacht hier. Ich lege erstmal die Kajüte trocken, schließe den 2 KW-Heizlüfter an, um die Restfeuchte auszutreiben und genehmige mir ein Bier, bevor ich jemanden suche, der hier für die Anmeldung zuständig ist. Die feuchten Polster werden einzeln vorm Heizer stehend auch langsam wieder benutzbar. Diesen Ritt werde ich so schnell nicht vergessen.


Weiße Baltische Nächte: Verträumte Straßen unter samtblauem Nachthimmel laden bei sommerlichen Temperaturen in Riga zu einem romantischen Nachtbummel ein (am Parlamentsgebäude)

Dass hier in Riga/Andrejosta niemand kommt, um einen Neuankömmling in Empfang zu nehmen, empfinde ich nach den bisherigen Erfahrungen als recht ungewöhnlich, und gehe auf die Suche nach einem Hafenmeister. Der junge Wachman in der Portier-Baracke spricht englisch, er ist Russe. Ich lade Ihne zu einem Wodka aufs Schiff ein. Während er meine Schnapsvorräte nahezu vollständig austrinkt, klagt er, dass die Balten jetzt beinahe so mit den Russen umsprängen, wie sie selber früher unter Stalin behandelt worden sind. In Riga leben 50% Russen. Während die Letten einen blauen Pass haben, besitzen die lettischen Russland-Balten einen roten. Die Einbürgerung (blauer Pass) ist in Lettland an die Kenntnis der lettischen Sprache und an eine erfolgreich bestandene Prüfung in der Geschichte Lettlands geknüpft. Was er an Schnaps nicht ausgetrunken hat, schenke ich ihm, als er gegen drei Uhr nachts das Schiff verläßt.
Dafür hat er die Liebenswürdigkeit, mich wenig später, um halb sieben, zu wecken, um mir zu sagen, dass ich jetzt fotografieren gehen müsse, die Sonne würde so schön scheinen. Ich bedanke mich herzlich dafür und schlafe erstmal aus.



Riga: Mittelalterliche Altstadt, rechts die Große Gilde, einst Versammlungsort der Hansekaufleute, heute Philharmonie



Die Freiheitsstatue in Riga: Seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit das zweite Wahrzeichen Rigas. Die drei von der Frauengestalt gehaltenen Sterne symbolisieren die lettischen Provinzen Latgale, Kurzeme und Vidzeme

Nach dem Besuch der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Rigas: Altstadt mit Großer und kleiner Gilde, Schwarzhäupterhaus, Dom, der Prachtstraße Elisabetes iela, dem riesigen Markt, lerne ich im Hafen Meldru Licis am Lotsenkanal im Staddteil Bolderaja, dicht bei der Daugava-Mündung den jungen Segler Edgars Salmanis kennen. Dieser lädt mich für den folgenden Tag auf einen Törn zur Lielupe und nach Jurmala ein. Auf seinem Kielschwerter mit Jüttvorrichtung. Wir finden das richtige Fahrwasser in die Lielupe-Mündung erst, nachdem wir uns dreimal wieder rückwärts von einer Sandbank freigeschaukelt haben. Als Tonnen liegen hier kleine weiße Kanister im Wasser, die man steuerbords lassen muss, was uns nicht klar war. Die Mündung versandet von Westen stärker als von Osten, daher muss man dicht zum Ostufer einlaufen - das wußte ich vom Hafenmeister in Engure. Die geringste Wassertiefe im Fahrwasser beträgt in diesem Jahr um 2,8 m. Kaum hat man die Mündung passiert, sind jedoch überall mehr als 4 m vorhanden. An der seit langem schon verlöschten Richtfeuerlinie darf man sich nur im ersten Teil der Ansteuerung orientieren, dicht bei der Mündung verläuft die Fahrrinne weiter östlich.


Auf der Kielschwertyacht von Edgars Salmanis unterwegs zur Lielupe-Mündung - unter polnischer Flagge...

Kaum sind wir auf der Lielupe, stottert der Aussenborder und bleibt dann ganz weg: Sprit alle. Wir gehen unter Segeln an eine Pier im Fischereihafen gleich hinter der Lielupe-Mündung. Auf der Suche nach Benzin geraten wir auf ein Gelände, wo eine große, moderne Segelyacht an Land steht, zwischen polierten Oldtimern russischer Bauart. In der Werkstatt daneben treffen wir auf einen freundlichen, älteren Mann, der uns zwischen Getriebe- und Karosserieteilen aus dem Regal nicht nur ein paar Liter Benzin angelt, sondern uns auch in eine Flasche abgefülltes Zweitakt-Öl verkauft. Auf dem Rückweg zum Boot werden wir von einem Wachmann angesprochen, der uns über den netten Oldtimer-Restaurator aufklärt: Das war der oberste Chef der Rigaer Hafenbehörden, der hier Samstags seinem Hobby nachgeht. Dies war selbst für den Revierkenner Edgars eine Überraschung.



Dickschiff-Regatta auf der breiten, fast strömungsfreien Lielupe

Auf der Lielupe findet an diesem Wochenende eine Regatta statt. Die ein oder andere Yacht, die hoch am Wind um jeden Meter Raum kämpfend, zu dicht am Innenbogen des Flusses segelt, nickt kurz, und bleibt auf den dortigen Sandbänken hängen. Die Regatta wird wegen Starkwindwarnung nur auf dem breiten, nahzu strömungsfreien Binnenrevier durchgeführt. Zurück nach Riga/Bolderaja geht es dann auch binnen über die romantisch gewundene Bullupe: Wir kreuzen eine Hochspannungsleitung mit 11 m Durchfahrtshöhe und klappen den Mast mit der Jütvorrichtung vor der einzigen Brücke (6 m) in Bolderaja kurz an. Die Wassertiefe auf der Bullupe beträgt überall mehr als 3 m. von der Bullupe kommt man über den Lotsenkanal zum "Riga Latvias Jahtklubs", zu dem viele Schweden ihr Boot bringen, um Komplettüberholung fachgerecht und preiswert durchführen zu lassen. Der Riga Latvias Jahtklubs am Lotsenkanal ist ein hierzulande recht unbekannter Platz, an dem man jedoch gut Kontakte zur Rigaer Seglerszene knüpfen kann. Außerdem hat die dortige Tankstelle am bereits im Mai geöffnet, und ist gefendert, so dass man bequem zum Tanken anlegen kann. In den Werkhallen neben dem ordentlich ausgestatteten, grünen Yachtclub-Gebäude trifft man auf kompetente Fachleute für Stahl-, GFK- Holz-, Maschinen- und Riggreparaturen. In der Rigaer Altstadt ist man von hier in 20 Minuten mit den Bussen der Linien 3e, 3 und 3a, man zahlt die 25 Sentimes für ein Ticket direkt beim Busfahrer


Riga Latvias Jahtklubs an der Einmündung des Lotsenkanals in die Daugava, nur 2 sm von der Hafeneinfahrt von Riga enternt.

Direkt benachbart betreibt ein deutschsprachiger Lette eine Weft für Hochseekatamarane, Karlis Kalviss. Er beliefert von hier aus die ganze Welt, und baut Schiffe nur ab 12 m Länge: "sonst lohnt sich das nicht für uns..." so seine Bemerkung dazu. Die Rümpfe werden im Handauflegeverfahren hergestellt und nach individuellen Wünschen ausgestattet. Viele seiner Kunden kommen aus Frankreich, zunehmend ist jedoch auch die außereuropäische Nachfrage (Dubai, Brasilien)


In der Werft von Karlis Kalviss werden hochseetaugliche Multihulls ab 12 m Länge gefertigt und in alle Welt exportiert

Die hübsche Gegend am Lotsenkanal ist auch zur Mittsommernacht beliebt: Seine nördliche Begrenzung, die "Insel der Liebenden" (Milestibas salinas) ist dann Treffpunkt der gesamten Rigaer Seglerschaft, die mit ihren Yachten am Kanalufer festmachen, um gemeinsam zu grillen und zu feiern.


Jurmala, das Seebad Rigas: Schmuckstücke der Bäderarchitektur sind aufwändig restauriert

Keineswegs sollte man es versäumen, bei einem Aufenthalt in Riga das mondäne Seebad Jurmala zu besuchen, hier gibt es viele schöne, alte Holzvillen in Bäderarchitektur und im Jugendstil zu best
aunen. Man nimmt dazu am günstigsten den Zug in Richtung Slotka und steigt in Jurmala/Majori aus. Die 12 Tage in Riga waren eher viel zu kurz, weiter ging es erst nach dem Boarding meiner Frau am 10.6. nach Norden, Richtung Salacgriva

(weiter: Teil 2: Riga - Helsinki).

Technik Kontakt Home Galerie Reiseberichte

Enter to Top Sailing-Team 2002 and Vote for this Site
boot24-TopList